„Die Pflege von Menschen mit Demenz ist nicht ausreichend durch kompetentes Personal abgesichert.“

Prof. Dr. Gerd Glaeske ist Co-Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege & Alterssicherung und Leiter des „Länger besser leben.“-Institutes an der Universität Bremen. Kürzlich hat der Experte die Ergebnisse seiner Untersuchung anhand von Daten der Bremer Handelskrankenkasse (hkk) veröffentlicht: den Demenzreport 2020.

Darin wurde deutlich, dass es eine Fehl- und Überversorgung von Menschen mit Demenz mit Psychopharmaka gibt. Für Demenz-im-Krankenhaus hat Prof. Glaeske Fragen dazu beantwortet.

Jochen Gust: Ihre Studie anhand von Versichertendaten der Bremer Handelskrankenkasse hat ergeben, dass Menschen mit Demenz in Pflegeheimen und in der häuslichen Versorgung zu viele Neuroleptika erhalten. Ihr Ergebnis deckt sich mit anderen Untersuchungen aus früheren Jahren. Das Ergebnis dürfte Sie also kaum überrascht haben?

Prof. Dr. Gerd Glaeske: Einerseits stimmt Ihre Annahme, andererseits war ich doch überrascht und auch erstaunt und bedrückt. Ich hätte mir gerne gewünscht, dass unsere Warnungen vor der längeren Anwendung von Neuroleptika bei Menschen mit Demenz endlich einmal Wirkung zeigen und dass sich eine Veränderung der Verordnungshäufigkeit gezeigt hätte. Denn schließlich geht es um lange bekannte und folgeschwere gravierende Auswirkungen: Ein erhöhtes Sterberisiko um das 1,7 fache für Menschen mit Alzheimerdemenz gegenüber gleichaltrigen Menschen ohne eine solche Erkrankung ist schließlich eine Gefahr, die doch konsequent vermieden werden sollte. Aber offenbar gehört diese seit 2002 bekannte Gefährdung, vor der sogar die Pharmafirmen warnen mussten, noch immer nicht zum Alltagswissen mancher Ärztinnen und Ärzte – und das ist zum Schaden vieler Menschen mit Alzheimerdemenz. Und dennoch werden nach unseren Daten 25-30% dieser betroffenen Menschen mit diesen Mitteln behandelt.

Jochen Gust: In der entsprechenden Pressemitteilung der hKK zum Ergebnis Ihrer Untersuchung wird vor allem Bezug auf Pflegeheime und die häusliche Versorgung von Menschen mit Demenz genommen. Waren Verordnung und Gabe von Neuroleptika an Menschen mit Demenz im Krankenhaus nicht Teil der Untersuchung? Und ist aus Ihrer Sicht anzunehmen, dass dort ein adäquaterer, sensiblerer Einsatz von Beruhigungsmitteln bei Patienten mit Demenz erfolgt?

Prof. Dr. Gerd Glaeske: Leider haben die Krankenkassen keine guten Arzneimitteldaten aus Krankenhäusern, wir kennen zwar die Einweisungs- und Entlassungsdiagnosen und die Operationsprozeduren, wir wissen aber leider nichts über die Arzneimitteltherapien im stationären Bereich. Daher mussten wir uns auf den ambulanten Bereich beschränken, zu dem auch die Versorgung von Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen gehört. Ich kann daher nur hoffen, dass Neuroleptika in Krankenhäusern eine deutlich geringere Rolle spielen als in anderen Versorgungsbereichen.

Jochen Gust: Auch wenn frühere Untersuchungen ähnliche Ergebnisse zu Tage gefördert haben hinsichtlich des Einsatzes von Neuroleptika an Menschen mit Demenz: in der Präsentation der Ergebnisse werden Sie ungewöhnlich deutlich, sprechen u.a. von Fehlversorgung und fordern eine Optimierung verschiedener Therapie- Betreuungs- und Pflegemaßnahmen. Was treibt Sie an – und, richtet sich Ihre Kritik nicht in erster Linie an die behandelnden Ärzte von Menschen mit Demenz? Diese verordnen die entsprechenden Arzneimittel. Gehen Ärzte zu leichtfertig mit diesen Medikamenten bei Menschen mit Demenz um?

Prof. Dr. Gerd Glaeske: Aus meiner Sicht ja. Ich weiß von vielen Ärztinnen und Ärzten, dass sie oft nicht weiterwissen, wenn z.B. Angehörige, die ihre Ehepartner, Eltern oder Großeltern zuhause pflegen, über ein aggressives Verhalten der pflegebedürftigen Personen sprechen und auch darunter leiden. Angehörigen erkranken in diesem Zusammenhang oft unter psychosomatischen Störungen wie Schlaflosigkeit, Magenschmerzen oder Herzbeschwerden. Dann sind Neuroleptika oder andere Beruhigungsmittel offenbar eine Hilfe in einer schwierigen Situation. Dennoch sollte klar sein, dass eine solche Beruhigungstherapie allenfalls vorübergehend während eines Zeitraums von sechs Wochen angesetzt werden sollte. Wenn diese Probleme weiterbestehen, sollte darüber nachgedacht werden, eine alternative Pflegesituation zu finden und professionelle Hilfe aufzusuchen, die umsichtig und zurückhalten mit solchen Neuroleptika umgeht.

Gerd Glaeske, Professor am Zentrum fuer Sozialpolitik der Universitaet Bremen.
Copyright: Raphael Huenerfauth/ photothek.net

Jochen Gust: Gerade Pflegefachleute – nicht nur in Pflegeheimen – wissen häufig um eine adäquate Versorgung von Menschen mit Demenz, die auch sogenanntes herausforderndes Verhalten mindert. Aufgrund des Personalmangels ist vielerorts eine bessere Versorgungssituation nicht zu erreichen. Einer der entscheidenden Faktoren ist Zeit – und die fehlt oft. Geraten aus Ihrer Sicht Medikamente zur Dämpfung und Ruhigstellung zunehmend zur Krücke, den gravierenden Personalmangel in der Pflege auszugleichen?

Prof. Dr. Gerd Glaeske: Mit dieser Beschreibung benennen Sie aus meiner Sicht eines der größten Probleme, die wir heute erkennen müssen. Die Pflege von Menschen mit Demenz ist nicht ausreichend durch kompetentes Personal abgesichert. Dabei wissen wir seit langem, dass die Häufigkeit der Alzheimerdemenz in Gesellschaften längeren Lebens ansteigt – die Alzheimerdemenz ist eine altersbedingte Erkrankung, auf die wir mit Blick auf den demographischen Wandel nicht gut vorbereitet sind. Heute leben in Deutschland etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz, der größte Anteil davon, nämlich rund 70%, leiden unter einer Alzheimerdemenz. In 30 Jahren wird sich dieser Anteil der Menschen mit einer Alzheimerdemenz verdoppelt haben – bei den über 90jährigen beträgt der Anteil nämlich etwa 32% und in Zukunft werden deutlich mehr ältere Menschen über 90 Jahren in Deutschland leben, es sei denn, wir können über präventive Maßnahmen den Anstieg der Alzheimerdemenz verlangsamen. Dass sie möglich sein könnte, zeigt sich auch jetzt schon an den realen Krankheitszahlen, die geringer ausfallen, als noch vor Jahren geschätzt wurde – Lebensstil, Ernährung, Bewegung und Bildung scheinen einen solchen präventiven Einfluss unterstützen zu können. Dennoch: Das Problem der geringen Anzahl von Pflegerinnen und Pflegern ist m.E. eines der Hauptursachen für die Anwendung von Beruhigungsmitteln –  zu wenig Personal wird durch zu viele Psychopharmaka, insbesondere auch durch Neuroleptika beantwortet, absolut keine gute Lösung für einen Pflegenotstand – sauber, satt und ruhig ist kein therapeutisches Ziel, sondern eher ein Zeichen dafür, dass Patientinnen und Patienten nur noch aufbewahrt werden, von einem würdevollen Altern sind wir da weit entfernt.

Jochen Gust: Um die Fehlversorgung mit Neuroleptika zu reduzieren, bedarf es nicht nur der Kenntnisse um den Missstand als solchem. Können Sie für die häusliche Versorgung, die Pflegeheime und auch Kliniken skizzieren, welche Änderungen Sie in der Zukunft erwarten, die zu einem angemessenerem Medikamenteneinsatz führen werden?

Prof. Dr. Gerd Glaeske: Meines Erachtens könnten Qualitätszirkel, also Zusammenkünfte von Ärztinnen und Ärzten und von Pflegerinnen und Pflegern eine gute Ausgangssituation sein. In solchen Qualitätszirkeln werden therapeutische und pflegerische Probleme und Grenzsituationen, z.B. die Eigen- und Fremdgefährdung von Patientinnen und Patienten, diskutiert und Lösungsstrategien vereinbart. Es muss transparent gemacht werden. wie in welcher Situation interveniert werden sollte, wie Arzneimittel wirken, welche unerwünschten Auswirkungen auftreten und welche Arzneimittel wann angewendet werden sollten. Wir benötigen abgesprochene und integrierte Konzepte bei denjenigen, die an der Behandlung von Menschen mit Alzheimerdemenz beteiligt sind, angefangen von der möglichen Vermeidung von beruhigenden Psychopharmaka bis hin zu Konzepten der aktivierenden Pflege. Wenn dies erreicht werden kann, was aus meiner Sicht nur mit einem ausreichenden Personalschlüssel möglich ist, könnte sich vieles für die Patientinnen und Patienten verbessern – und das sollte immer im Mittelpunkt stehen. Nil nocere – auf jeden Fall den Menschen nicht schaden – das ist eines der wichtigsten Gebote in der Medizin, insbesondere bei Menschen, bei denen die kognitiven und kommunikativen Fähigkeit mehr und mehr nachlassen. Die Arzneimittelversorgung zeigt allerdings, dass wir davon noch weit entfernt sind – Fehlversorgung mit Psychopharmaka gehört leider noch immer zum Alltag von Menschen mit Alzheimerdemenz.

Ich danke Herrn Prof. Dr. Glaeske für seine Zeit und Offenheit.

Jochen Gust

Foto Prof. Dr. Gerd Glaeske by Raphael Hünerfauth, Photothek.
Foto: picking medicine: by Laurynas Mereckas on Unsplash  

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