Nachtisch mit Wirkstoff

Wenn Menschen mit Demenz die Einnahme von Medikamenten verweigern, werden Tabletten und Tropfen häufig ins Essen gemischt.

Medikamente ins Essen mischen ist in der Versorgung von Menschen mit Demenz – als rein eminenzbasierte Aussage – keine Seltenheit. Eher Alltag. Das wird getan, obwohl oder auch wenn bekannt ist, dass das nicht erlaubt ist. Häufig wird begründet, dass gemörserte „Medikamente mit ein bisschen Apfelmus“ besser zu schlucken sind. Was im Einzelfall ja wahr sein kann und in Ordnung ist, sofern Betroffene einverstanden sind sie so zu bekommen.

Zwischen Annahmen und Paternalismus

Gründe für das Vorgehen, Medikamente (auch in Tropfenform) heimlich ins Essen zu mischen, gibt es viele. Und in Diskussionen wird häufig angeführt, dass ein Mensch mit Demenz die Folgen der Nichteinnahme nicht mehr abschätzen kann einerseits, andererseits wird angenommen, dass der Betroffene überhaupt nicht mehr mitbekommt, dass er mit dem Essen auch Arzneimittel zu sich nimmt. Kann stimmen im Einzelfall. Legalisiert das Vorgehen deshalb aber nicht. Nur weil mir der Nachtisch trotzdem schmeckt, möchte ich ihn nicht mit einem Wirkstoff versehen wissen.

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Weitere Kurzfilme zum Thema Demenz finden Sie auf meinem Kanal: Demenz: Aufmerksam gemacht.

Ganz abgesehen von der Frage, wie häufig die Ablehnung schlicht hinzunehmen ist (welche Folgen drohen?): es ist ein ganz praktisches Problem, wenn eine Zwangsbehandlung mit Medikamenten nur in einem Krankenhaus stattfinden kann. Und Medikamente ins Essen zu mischen ist laut Urteil eine solche. Die Verlegung (der Ortswechsel) kann harte negative Folgen nach sich ziehen – Kliniken sind häufig keine besonders guten Aufenthaltsorte für Menschen mit Demenz und noch immer gibt es zu wenige, die sich auf das Thema eingelassen haben.

Die juristische Beurteilung dürfte regelmäßig eindeutig sein – und ist den Juristen überlassen. In der Praxis ist das gar nicht mal so selten durchaus auch bekannt. Und gerade bei pflegenden Angehörigen muss nach einem Vorgehen gesucht werden, das im Alltag funktioniert. Der reine Hinweis auf die juristische Sachlage löst noch kein Problem in einer Situation, an der Menschen häufig am Rande ihrer Kräfte und darüberhinaus versuchen, die häusliche Versorgung stabil zu halten. Natürlich kann man es sich so einfach machen und die Handlung lediglich mit: „Das dürfen Sie nicht!“, quittieren. Aber was dann? Nehmen wir wirklich an, dass keine Medikamente mehr ins Essen gemischt werden Zuhause, sobald wir die fremde Wohnung verlassen haben und die Familie wieder allein ist mit der Belastung?

Ablehnung als Pflegendenfehler

Sowohl in der ambulanten Pflege, im Pflegeheim als auch im Krankenhaus habe ich aber noch anderes beobachtet:

Dass ein Patient mit (aber auch ohne) Demenz sich geweigert hat seine Medikamente zu nehmen, wurde offen oder unterschwellig als Fehler der Pflegefachperson gewertet. Auf ganz verschiedene Arten. Von der Frage durch Kolleg*innen „Andere kriegen das bei Frau Meier doch auch hin?“ bis hin zum Arzt der auf die Information mit „Ja, wie Sie Ihre Arbeit machen sollen kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ist doch Ihre Aufgabe, dass er die nimmt.“.

Und der Fachkräftemangel verschärft das Problem und die Risiken weiter, ob ausgesprochen oder nicht: Pflegende kennen „ihre Pappenheimer“ und wissen bei wem es ab und zu oder regelmäßig zu Schwierigkeiten bei der Gabe von Medikamenten kommt. Und gerade auf Spezialstationen hat man davon mehrere Kandidaten. Da gälte es womöglich bei 4 oder 5 Patienten / Bewohnern oder mehr zu den Mahlzeiten mehrere Anläufe zu nehmen oder im Gespräch Überzeugungsarbeit zu leisten, zu begründen und zu erklären. Zeitdruck verrührt die Tabletten dann buchstäblich zum Joghurt des geringsten Widerstands.

Hand aufs Herz – gibt es bei Ihnen eine standardisierte Vorgehensweise, wenn sich ein Mensch mit Demenz weigert die verordneten Medikamente zu nehmen?

Für Demenzbeauftragte (nicht nur) im Krankenhaus, sollte das ein Thema sein.

Jochen Gust


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