Delir gehört zu den häufigsten und zugleich folgenreichsten Komplikationen im höheren Lebensalter. Neu ist jetzt nicht, dass Delir „wichtig“ ist – neu ist, dass es erstmals eine S3-Leitlinie gibt, die das Thema konsequent über alle Versorgungsbereiche hinweg zusammenbindet: von der Notaufnahme über die Akutstation bis in die Langzeitpflege und die Nachsorge. Menschen mit Demenz sind besonders gefährdet, ein Delir zu erleiden.
Was bedeutet „S3“
„S3“ steht für die höchste Qualitätsstufe medizinischer Leitlinien in Deutschland. Das heißt: Empfehlungen entstehen nicht nur aus Expertenmeinungen, sondern auf Basis systematisch bewerteter Studienlage und eines formalen Konsensverfahrens. Für die Pflegepraxis bedeutet das: Die Empfehlungen sind in der Regel transparenter begründet und verlässlicher als bei S1 (Expertenkonsens ohne systematische Evidenzaufarbeitung) oder S2 (Teilschritte, aber nicht zwingend beides zusammen).
Der große Unterschied zu früher: ein transsektoraler Rahmen statt „Insellösungen“
Viele Einrichtungen kannten Delirempfehlungen bisher vor allem aus einzelnen Kontexten: neurologische Akutversorgung, Intensivstation, Alkoholentzugsdelir oder palliative Situationen. Die neue S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ setzt hier einen deutlich breiteren Rahmen: Sie richtet sich an Menschen über 65 Jahre, fokussiert auf nicht substanzbedingtes Delir (ICD-10 F05) und beschreibt einen durchgängigen Versorgungspfad – inklusive Langzeitpflege sowie Nachsorge/Reha.
Was ist im Alltag wirklich neu?
- Delir-Risiko früher und sichtbarer erfassen – auch in der Langzeitpflege
Die Leitlinie stärkt ein pragmatisches Delir-Risikoscreening als Standard: bereits in der Notaufnahme, im akutstationären Bereich und präoperativ im chirurgischen Setting. Für Pflegefachpersonen besonders relevant: Auch in der Langzeitpflege soll Delirrisiko bei Aufnahme sowie bei relevanten Veränderungen (z. B. Infekt, Immobilität, Medikationswechsel) aktiv mitgedacht und in der Dokumentation sichtbar gekennzeichnet werden. - Delirscreening als Prozess – nicht nur als „wir machen das schon“
Dass Delir erkannt werden soll, ist nicht neu. Neu ist, wie deutlich die Leitlinie die Umsetzung als Prozess beschreibt: Screening gezielt bei Risiko und in Phasen hoher Vulnerabilität. Dabei sollen Frequenz und Dauer so angelegt sen, dass fluktuierende Symptome nicht übersehen werden. Und Schulung als Qualitätsstandard: vor Instrumenteneinsatz Delir-/Delirmanagement-Schulung plus Screening-Training; mindestens jährliche Schulungsangebote.
Ein wichtiger Praxispunkt ist außerdem der Umgang mit Belastung und Ablehnung: Wiederholtes Screening kann belastend sein; eine Ablehnung ist zu respektieren. Dann soll auf Fremdbeobachtung und besonders aufmerksames klinisches Beobachten ausgewichen werden. Das ist eine klare Leitplanke für die tägliche Arbeit.
Ein Überblick
Was heißt das konkret für Ihre Pflegepraxis?
- Delirrisiko sichtbar machen (nicht nur „im Kopf behalten“), besonders bei Aufnahme und bei Veränderungen.
- Screening so organisieren, dass Fluktuation nicht durchrutscht (und das Team dafür schulen).
- Prävention als Bündel denken (Schlaf, Aktivierung, Orientierung, Umgebung), nicht als Einzelroutine.
- Bei Ablehnung von Screenings: respektieren, aber strukturiert über Beobachtung und Fremdanamnese auffangen und die Dokumenation nutzen.
- Übergaben nach Delirereignis verbindlich standardisieren (Risiko, Auslöser, aktueller Status, Plan).
Quellen / weitere Information: AWMF Leitlinienregister: S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ (Reg.-Nr. 109-001, Version 1.0, Stand 30.04.2025).
In Überarbeitung: AWMF Leitlinienregister: S1-Leitlinie „Delir und Verwirrtheitszustände inklusive Alkoholentzugsdelir“ (Reg.-Nr. 030-006).




