Verhalten im Grenzbereich: Schreien und Rufen bei Demenz

Es ist ein Verhalten, eine Reaktion, eine Art der Kommunikation, welche die Umgebung an ihre Grenzen bringen kann. Ob pflegende Angehörige, Mediziner, Betreuungskräfte oder Pflegefachleute – dauerhaftes Schreien und Rufen von Menschen mit Demenz kann nicht nur sie, sondern auch Nachbarn, Mitpatienten im Krankenhaus oder Mitbewohner im Pflegeheim überfordern. Das Phänomen ist mir gut bekannt – und nicht immer lies es sich zufriedenstellend lösen.

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In 2. , überarbeiteter Auflage ist das Buch „Schreien und Rufen“ erschienen von Dr. Hans-Werner Urselmann und Jürgen Georg erschienen. Ich hatte Gelgenheit, einem der Autoren Fragen zum Thema Schreien und Rufen zu stellen. Die Antworten von Pflegewissenschaftler Hans-Werner Urselmann gebe ich hier ungekürzt wieder.

Jochen Gust: Herr Urselmann die herausfordernden Verhaltensweisen und Reaktionen von Menschen mit Demenz sind vielfältig. Wie sind Sie dazu gekommen, sich speziell mit Schreien und Rufen zu befassen? 

Hans-Werner Urselmann: Im Rahmen meines Studiums der Pflegewissenschaft habe ich mich mit unterschiedlichen Phänomen in der Pflege beschäftigt. Warum ich das Schreien und Rufen von Menschen mit Demenz intensiver untersuchte? Vielleicht steht das im direkten Zusammenhang mit einem Ereignis, dass ich an meinem ersten Tag in einem Altenheim erlebt habe. An diesen Tag erinnere ich mich nach so vielen Jahren noch gut. Ich wollte dort für eine kurze Übergangszeit als Pflegehilfskraft tätig werden und sollte nach dem Rundgang durch diese Einrichtung in einem Wohnraum warten. In diesem Raum saßen eine alte Frau und ein alter Mann. Der Raum wirkte einladend und er war geschmackvoll eingerichtet.

Als ich den Raum betrat, sah mich die alte Frau kurz an und versuchte aufzustehen, was ihr aber nicht gelang. Irgendetwas hielt sie an dem Stuhl fest. Ich wartete erst wenige Minuten, aber die Atmosphäre fand ich zunehmend immer beklemmender. Plötzlich schrie die alte Frau mit einem zur Tür gerichteten Blick aus Leibeskräften: „Ruuuuuddiiii, Ruuuuuddiiii“ . In dem Moment sah ich eine Mitarbeiterin, die mit schnellen Schritten an dem Raum vorbeiging. Und wieder die lauten Schreie: „Ruuuuuddiiii Ruuuuuddiiii. Ich kann nicht mehr“. Der alte Mann, der an einem anderen Tisch saß, drehte sich um und plötzlich schrie auch er: „Ich kann auch nicht mehr. Wenn du nicht endlich die Schnauze hältst, stopfe ich dir dein ewig grölendes Maul. Halte endlich die Schnauze, du alte Hexe“. Mit der Faust drohte er der alten Frau, die scheinbar unbeeindruckt wieder zur Tür schaute. Ich staunte über das Gehörte und war in der Situation geradezu gefangen. In dem Moment betrat die Pflegeperson, die eben sehr schnell an den Raum vorbeigegangen war, das Zimmer. Kopfschüttelnd und übertrieben laut sagte sie: „Was ist hier denn schon wieder los“ und flüsterte leise vor sich hin: „Eine ewig brüllende Frau und ein aggressiver Kerl. Ich liebe die Nachmittage auf diesem Wohnbereich“. Das war mein erster Tag in einem Altenpflegeheim. Hautnah spüre ich noch heute die Ohnmacht, die ich damals wahrnahm. Die erlebte Situation hat mich nie losgelassen und neben dem wissenschaftlichen Interesse ist das wohl die Quelle meines Interesses, die mich veranlasste, dass Phänomen des Schreien und Rufen näher zu untersuchen.

Jochen Gust: Ich selbst erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass beim Thema Verhalten von Menschen mit Demenz die „Störung“ recht schnell und eindeutig identifiziert wird. Also das, was die Umgebung stört. Weniger aber die Ursachen und Wechselwirkungen. Wie sollten Pflegefachleute vorgehen, um den Gründen für Schreien oder Rufen auf die Spur zu kommen?

Schreien und Rufen: ein komplexes Phänomen

Hans-Werner Urselmann: Leider kann ich Ihnen kein Patentrezept und keine einfache Handlungsanweisung nennen, die immer und überall in dem Sinne wirkt, dass sie den Schrei- oder Rufanlass finden und der Mensch mit Demenz nicht mehr schreit oder ruft. Ein Handbuch der einfachen Handlungsschritte gibt es nicht. Kann es nicht geben, wenn man die Komplexität des Phänomens berücksichtigt. Wir alle wissen, dass der Demenzverlauf nicht statisch ist. Aber: Professionell Pflegende können auf ihr Fachwissen zurückgreifen. Diese Kompetenz gilt es zu aktivieren. Eine Interviewpartnerin, die in einem Wohnbereich tätig ist, wo nur Menschen mit Demenz leben, die laut schreien und rufen, sagte mir in diesem Zusammenhang, dass in ihrem Team der Offenheit und der konstruktiven Zusammenarbeit hohe Bedeutung zukommt. Wichtig bei der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz und die Suche nach dem Schrei- oder Rufanlass, bemerkte sie richtig, ist nicht nur die Fachkompetenz, sondern auch der Wille dieses Wissen einzusetzen und ein Arbeitsumfeld, wo dies möglich ist. Das hört sich vielleicht einfach an und ist auch nicht neu. Aber im stressigen Pflegealltag ist diese Haltung zwingend notwendig.

Es ist wichtig, dass eine Pflegeperson im Team sagen kann, dass sie das Schreien und Rufen an diesem Tag stört. Sie muss Momente der Belastung offen thematisieren können und zwar ohne den moralischen Zeigefinger des Kollegen oder der Vorgesetzten. Personalmangel, schlechte Rahmenbedingungen, wie z.B. mangelnde Unterstützung durch die Leitungsebene oder deren Gleichgültigkeit, nur fremdbestimmte Wohnraumgestaltung, ungünstige Dienstzeiten, um nur einige Hemmfaktoren zu nennen, können kein Klima des Aufbruchs und guter Leistung sein. Diese Faktoren nenne ich an dieser Stelle ganz bewusst als Ausgangspunkt für die Arbeit mit Menschen mit Demenz, die schreien und rufen. Den Menschen mit Demenz und seine Bedürfnisse kann ich nur dann wirklich kennenlernen, wenn die Rahmenbedingungen gute Arbeit möglich machen. Jetzt habe ich eigentlich nur die Rahmenbedingungen thematisiert. Um ihre Frage zu beantworten: Der Schrei- und Rufanlass ist vom Menschen mit Demenz und seiner Person nicht zu trennen. Ich muss den Menschen und sein gelebtes Leben in den Mittelpunkt rücken und bei der Suche der Spontanität, Kreativität, Offenheit und Neugier breiten Raum einräumen. Wenn es möglich ist, gilt es die Angehörigen sozusagen mit „ins Boot zu holen.“

Die Rolle der Medikamente

Jochen Gust: Können Medikamente helfen und wann sind sie bei diesem Verhalten sinnvoll?

Hans-Werner Urselmann: Ja, Medikamente können hilfreich sein und ihr Einsatz ist wichtig. Wenn ein Mensch mit Demenz z.B. schreit oder ruft, weil er Schmerzen hat, ist die Applikation von Medikamenten wichtig und richtig. Ein weiteres Beispiel: Wenn Pflegende dem Arzt berichten, dass der alte Mensch tagelang bis zur totalen Erschöpfung schreit und keine Ruhe mehr findet, kann der Einsatz von Medikamenten angezeigt sein. Das sind nur zwei Beispiele, die die Bedeutung der medikamentösen Behandlung in den Vordergrund rücken und die Zusammenarbeit zwischen den Pflegenden und dem Mediziner eine wichtige Rolle zuschreibt. Immerhin ist und bleibt der Arzt auf die Beobachtungsergebnisse und die Kompetenz der Pflegeperson zwingend angewiesen. Fachpflegende können z.B. im Altenheim eine lückenlose Langzeitbeobachtung und Gesamteinschätzung vornehmen.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Interviewpartnerin zitieren, die berichtete, dass sie erst lernen musste, dass der Einsatz von Medikamenten hilfreich sein kann. Lange dachte sie, dass „validierendes darauf eingehen“ allein richtig ist. Erst die enge Zusammenarbeit mit einem Facharzt zeigte ihr, dass engmaschige Visiten und zeitnahe Medikamentenanpassung in kleinsten Schritten, den alten Menschen helfen kann. Sie beschreibt wenig später in dem Interview indirekt das Phänomen des „glücklichen Schreiens“. Denn das gibt es auch: Der alte Mensch schreit und er wirkt in diesen Schreiphasen ausgeglichen und geradezu glücklich. Das unterstreicht, dass Menschen mit Demenz auch ein Recht auf Schreien und Rufen einzuräumen ist.

Viele Pflegende berichteten dagegen, dass sie die Applikation von Medikamenten sehr kritisch sehen, weil oft allein eine stark sedierende Wirkung zu beobachten ist. Der Mensch mit Demenz würde weiter schreien, wenn er noch könnte. Allein die Medikamente haben ihn verstummen lassen. Sie beschreiben damit in diesem Zusammenhang das Phänomen des „Stummen Schreiens“. Oft wären die Medikamente nur deshalb zum Einsatz gekommen, weil sich Kollegen, Mitbewohner, andere Patienten oder Anwohner gestört fühlten. Mit der Medikamentengabe würde in diesen Beispielen nur „Ruhe erkauft“. Dieses Vorgehen wird übereinstimmend als Gewalt interpretiert.

Darüber hinaus forderten die teilnehmenden Pflegefachpersonen, dass das Verschreiben der Medikamente mit stark sedierender Wirkung allein in die Hand des Facharztes und nicht des Hausarztes gehört. Abschließend noch der Hinweis: Meines Wissens gibt es kein Arzneimittel, bei dem auf dem Beipackzettel steht: „Hilft gegen herausforderndes Schreien und Rufen von Menschen mit Demenz.“.

Jochen Gust: Was können Pflegefachleute tun, um dem Verhalten zu begegnen und welche Effekte sind Ihrer Erfahrung nach zu erzielen durch nichtmedikamentöse Interventionen?

Hans-Werner Urselmann: Am Anfang jeder Interventionsgestaltung muss das Wissen und das Verständnis stehen, das die herausfordernden Schreie oder Rufe eines Menschen mit Demenz kein aggressives Verhalten ist. Der Schrei oder Ruf ist Ausdruck einer Person und vielleicht das einzig verbliebene verbale Kommunikationsmittel, dass diesem Menschen noch zur Verfügung steht. Das ist deshalb wichtig, weil der Mensch mit Demenz nicht immer deutlich seine Bedürfnisse verbal mitteilen kann. Er kann z.B. nicht sagen, ich habe Durst, mir ist kalt, ich habe Schmerzen, hier ist es mir viel zu laut oder ich habe Angst und will nach Hause. Sie sehen, die Schrei- und Rufgründe sind sehr vielschichtig, komplex und auch im Kontext zu betrachten. Es hilft dem Menschen aus diesem Grund nicht, Medikamente mit sedierender Wirkung zu applizieren, wenn er z.B. Durst hat. Er schreit und ruft dann vielleicht nicht mehr, hat aber immer noch Durst. Zugegeben, dass ist ein einfaches und verkürztes Beispiel, aber es unterstreicht die Bedeutung der nichtmedikamentenösen Interventionen. Aus diesem Grund sollten sie immer am Anfang stehen. Diese Erkenntnis ist natürlich ebenfalls nicht neu, sondern gelebte Praxis.

Was machen nun Pflegende, wenn ein Mensch mit Demenz schreit oder ruft? Die Aktivitäten richten sich zunächst direkt auf das Verhalten des schreienden Menschen und auf die Schreisituation, die es zu befriedigen und/oder zu befrieden gilt. Der Versuch und Irrtum steht dabei zuerst im Vordergrund der unterschiedlichen Strategien. Pflegende wollen wissen, warum schreit der Mensch mit Demenz und sie wollen zielgenau intervenieren können, wobei allen nonverbalen Signalen besondere Bedeutung zukommt. Eine Pflegende sagte mir, wir agieren geradezu in einem „Klima des detektivischen Wissenwollens“. Wir versuchen ein Schreimuster zu erkennen, wir achten auf die Tageszeit, die Schreidauer, Intensität, den Schreibeginn und z.B. auch auf das Schreiende. Wohlwissend, dass der Schrei- und Rufanlass nicht immer gefunden werden kann. Es werden die intrinischen und die extrinischen Faktoren, also die von innen bzw. außen wirkenden Einflussfaktoren analysiert und in ein Gesamtbild platziert. Die wahrscheinlichste Schreiursache tritt in den Mittelpunkt und der Versuch- und Irrtumsablauf folgt. Hierbei kommt dem Fachwissen und der Erfahrung der Pflegenden besondere Bedeutung zu.

Ich will Ihnen an dieser Stelle ein exemplarisches Beispiel nichtmedikamentöser Interventionen nennen, die ich unter dem Begriff „körperlich-therapeutische Interventionsansätze“ zusammengefasst habe und die viele an der Studie teilgenommenen Informanten als erfolgreich im Sinne des Pflegeziels Ruhe beschrieben haben. Sie berichteten, dass sie körperlichen Kontakt zu einem schreienden Menschen mit Demenz aufnahmen, ihn „drückten“ oder „in den Arm nahmen“. Der Mensch mit Demenz wurde ruhig. Man könnte jetzt glauben, dass ist die Lösung für jeden Schrei oder Ruf. Nur ganz so einfach ist es nicht. Es gab bei dem direkten Körperkontakt auch Menschen, die viel lauter und intensiver schrien. Es wurde darüber hinaus berichtet, dass der direkte Körperkontakt über einen langen Zeitraum im Sinne vom Ende der Schreiphase erfolgreich wirkte, sich jedoch plötzlich die Reaktion von einem auf den anderen Tag änderte. Die Schreiphasen wurden lauter und intensiver. Was hatte sich geändert? Die Antwort ist eigentlich einfach: Demenz besitzt einen progredienten Verlauf und nicht alle Menschen reagieren auf einen Reiz gleich. Hieraus folgt, dass es kein Allheilmittel und kein Patentrezept gibt und geben kann.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Interviewpartnerin zitieren, die ihre Interventionsgestaltung bei schreienden Menschen mit einem Puzzlespiel verglichen hat. Sie betonte, dass sie und ihr Team jeden Tag ihre Interventionsansätze analysierend aufs Neue sozusagen als Mosaiksteine zusammensetzen und sie bemerkte: Der Stein, also der Interventionsansatz, der gestern noch passte, war heute plötzlich obsolet.

Zusammenfassend ist deshalb zu fordern: Pflege darf Phänomene wie das Schreien und Rufen nicht einseitig und verkürzt interpretieren, sondern jede Intervention muss die Komplexität und Diversität ins Blickfeld nehmen. Die Individualität eines Menschen mit Demenz und sein gelebtes Leben ist und bleibt Taktgeber.

Akzeptanz und Verständnis

Jochen Gust: Immer wieder berichten mir Einrichtungsleiter auch, dass in ihrem eigenen Haus eine gewisse Akzeptanz für das Phänomen geschaffen wurde – es aber häufig Beschwerden aus der unmittelbaren Nachbarschaft gibt, die sich durch die Schreie oder Rufe gestört fühlen. Auch werden Pflegende im ambulanten Dienst von Dritten angesprochen, dass das doch „so nicht geht“. Haben Sie einen Rat für den Umgang mit solchen Beschwerden? 

Hans-Werner Urselmann: Mit Ihrer Frage sprechen Sie einen wichtigen Aspekt an. Schreien und Rufen ist laut und kann als problematisch, überaus störend und untragbar gewertet werden. Nicht selten hören Pflegende: „Hören Sie die lauten Schreie und die stundenlangen Rufe nicht? Machen Sie was! Egal was, Hauptsache der Schreihals ist still“. Aus der Nachbarschaft kommt dann vielleicht sogar die Forderung: „Schließen Sie die Fenster und noch besser: Schließen sie auch gleich die Rollläden.“

Wie kann in diesen Situationen Akzeptanz und Verständnis erreicht werden? Durch fortwährende Aufklärungsarbeit, durch Kennenlernen der Pflegeanforderung, durch Austausch und Informationen. Suchen Sie den Kontakt zu den Nachbarn, erklären sie ihm die Pflegesituation und das Verhalten eines Menschen mit Demenz. Thematisieren Sie aber auch die ethischen Grundprinzipien einer friedlichen Koexistenz. Pflegende sollten hier stellvertretend für den kranken Menschen die Funktion eines Anwalts einnehmen. Eine Parteinahme für einen Menschen, der sich nicht ändern kann. Mir ist durchaus bewusst, dass vielerorts die Wirklichkeit noch weit entfernt von Akzeptanz, Verständnis und Toleranz ist. Aber ebenso wie dem Nachbar vielleicht ein Recht auf Ruhe einzuräumen ist, besitzt der Mensch mit Demenz ein Recht auf Schreien und Rufen. Das Schreien und Rufen eines Menschen mit Demenz muss ebenso angenommen werden, wie der Schrei eines Säuglings. Kein deutsches Gericht wird den „Lärm“ spielender Kinder gerichtlich unterbinden. Die Schreie von Säuglingen und Kindern sind natürlich nicht mit dem Schrei oder Ruf eines alten Menschen mit Demenz zu vergleichen. Dieser Zusammenhang ist nicht gemeint und wird nicht unterstellt. Aber die Umwelt beziehungsweise der nähere und weitere Wohn- und Lebenskontext muss sich dem Menschen mit herausforderndem Verhalten anpassen und nicht umgekehrt. Dem Menschen mit Demenz ist diese Leistung wegen seiner reduzierten Anpassungsfähigkeit nicht mehr möglich!

Ich danke Herrn Urselmann für seine Antworten und die der Thematik gewidmete Zeit.

Jochen Gust

 

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19 Kommentare

  1. Meine Schwiegermutter ist seit 3 1/2 Jahren im Seniorenheim mit inzwischen schwerer Alzheimerdemenz. sie hört schlecht, nur 40%, kann sich kaum noch verbal verständigen. Sie stößt unverständlich lautes Stöhnen aus, alle Mitbewohner sind genervt, Personal auch dadurch gestresst. Sie soll aggressiv sein, besonders bei der Körperpflege. Die Medikation von Neuroleptika, Pipamperon, das auch aggressiv machen kann, wird jetzt umgestellt auf Risperidon und Melperon. Hoffe, daß sie damit innerlich zufriedener wird und nicht mehr ständig laute Töne durch den Gang oder in Ihrem Zimmer von sich gibt. Hoffe, daß Sie dadurch nicht noch in ihrer Mobilität eingeschränkt wird. Bald wird sie 80 Jahre, und wir wünschen uns für sie, daß sie noch Freude am Leben haben soll, solange sie lebt. Dieser Zustand von ihr ist nicht gut für sie, ich denke sie leidet unter ihren Gedanken, abwesend von der Realität zu sein, und Mitbewohner lachen sie noch aus. Mit freundlichen Grüßen Andrea Koch

    1. Hallo Frau Koch,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Das gezeigte Verhalten kann eine Reihe von Ursachen haben. Wichtig wäre auch die Beobachtung: wann stöhnt sie nicht? Oder wann stöhnt sie weniger, leiser? Unter welchen Umständen? Was könnte der Zweck sein, was erreicht Sie damit? Sicher muss auch geprüft werden ob sie unter Schmerzen leidet, nötigenfalls kann vielleicht „testweise“ ein Schmerzmittel gegeben werden. Der behandelnde Arzt bedenkt dies sicherlich mit. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Schwiegermutter alles Gute.
      J. Gust

  2. Hallo, meine Mutter ist seit 4 Monaten im Altenheim. Bekommt seit geraumer Zeit Quetapin und kann seither fast nichts mehr. Von Grad 3 auf 5 in der Zeit. Angeblich ruft sie ständig (besuche sie häufig und habe es noch nie gehört). Nun bekommt sie die Tablette 5 x tgl. mit 25 mg und ist nur noch sediert. Sie ist auf einer Demenzstation, aber man möchte die Rufe nicht mehr hat man mir gesagt. Nun ist sie hauptsächlich in ihrem Zimmer. Ist das tatsächlich okay? So soll ich es hinnehmen und nichts mehr hinterfragen würde mir heute gesagt. Kann es gerade nicht fassen.

    1. Hallo,

      das ist aus der Ferne nicht zu beurteilen. Es klingt nicht gut – vor allem, wenn man Ihnen sagt, Sie sollen nichts mehr hinterfragen. Das wäre für mich eine deutliche „red flag“. Die Frage ist einerseits, wer rechtlich die Betreuung innehat (Gesundheitssorge) und von wem Sie entsprechende Auskünfte bekommen können. Das Medikament muss ja ärztlicherseits verordnet worden sein. Suchen Sie unbedingt zu weiteren Erläuterungen das Gespräch mit dem Hausarzt bzw. dem behandelnden Arzt. Fragen Sie zudem, was getan wurde um dem Rufen zu begegnen – abseits von Medikamenten, seitens der Einrichtung. In der Regel ist es nötig, verschiedene Dinge auszuprobieren um zu einer guten Lösung zu kommen. Das bedeutet Aufwand – ob der im Rahmen des personellen Mangels getrieben worden ist, kann ich nicht beurteilen. Da es sich um eine Demenzstation handelt, sollte man Ihnen aber erläutern können wie vorgegangen wurde. Etwas bedenklich ist der geschilderte Zeitraum, in dem sich dies alles abspielt. Es grüßt Sie
      Jochen Gust

  3. Hallo, ich hätte gerne eine Frage zu meiner Schwiegermutter. Sie wohnt seit ca 3 Jahren in einer Senioreneinrichtung. Sie ist sehr sehbeeintraechtigt und stark dement. Täglich schreit sie, hallo, tags und nachts. Das stört natürlich, sie kann allerdings nichts dafür. Der Neurologe ist in diesen Prozess involviert. Es werden Psychopharmaka verabreicht. Das Schreien bleibt. Meine Schwiegermutter ist 91 Jahre alt. Nun steht ein Gespräch mit der Einrichtungsleiterin an mit Tochter, Sohn und mir. Der Vorschlag ist, diese alte, stark demente Frau in eine Einrichtung für Demenz zu verlegen. Die Begründung ist, dass Personal ist stark belastet, die Bewohner sind massivst verärgert. Der BSD kann es auch nicht richten. Vielleicht können Sie mir einen Rat geben, wie in dem Gespräch mit Leitung agiert werden kann.
    Mit freundlichem Gruß Andrea

    1. Hallo Frau Voit,

      siehe meine Antworten zu den anderen, ähnlich gelagerten Fragen hier im Kommentarbereich.
      Wichtig ist sicher, dass sich ein Umgang mit dem Phänomen nicht auf die medikamentöse Behandlung (Bekämpfung der Störung) reduziert, sondern einerseits versucht die Ursachen zu ergründen und anderseits durch schlichtes Ausprobieren verschiedener Maßnahmen, wann es gemildert wird oder ganz aufhört – und wann nicht. Das kann ein aufwendiger Prozess sein.
      Es erschwert die Lage erheblich, wenn das Phänomen schon lange besteht, ohne dass adäquat etwas unternommen wurde. Das Verhalten kann die Umgebung erheblich belasten, das ist richtig. Zugleich ist zu beachten, dass ein Umzug für Menschen mit Demenz eine große Belastung darstellt.
      Im Gespräch würde ich einerseits versuchen herauszufinden, was bisher seitens der bestehenden Einrichtung unternommen wurde um dem Schreien zu begegnen (abseits von Medikamenten). Andererseits was die Verlegung in eine andere Einrichtung in dieser Hinsicht erwartbar bringen wird – also was glaubt man, verbessert sich dort in dieser Hinsicht für Ihre Schwiegermutter? Was kann man dort, was man vor Ort nicht kann?
      Es ist klar, dass die Situation unhaltbar werden kann für die Mitbwohner und die Mitarbeitenden, wenn es gar nicht gelingt, auf das Phänomen einzuwirken und zudem besteht das große Risiko, dass auch Ihre Frau Schwiegermutter massiv belastet ist.

      Dennoch muss schlüssig sein in meinen Augen, was durch den Ortswechsel positiv erreicht werden soll – abgesehen davon, dass man die „Störung“ vor Ort loswürde. Wären die Mitarbeiter und Mitbewohner in der anderen Einrichtung nicht durch das Schreien belastet – oder weniger? Wenn ja, warum?

      Es grüßt Sie

      Jochen Gust

  4. Hallo, meine Schwiegermutter, seit 3 1/2 im Pflegeheim, inzwischen mit schwerer Alzheimerdemenz, wurde nun umgestellt auf andere Neuroleptika. Grund war : lautes Rufen auf dem Gang und im Zimmer, sowie Abwehrhaltung/Aggressivität bei der Grundpflege. Statt Pipamperol und Aripiprazol bekommt sie jetzt Risperidon 2 x 0,5mg, sowie Melperon 25mg, 3×1/2 Tabl. Das laute Rufen hat sich eingestellt, der Umgang mit Grundpflege besser. Doch das kleinschrittige Gangbild wurde nicht besser, sie hat blasse, kalte Hände und wirkt in der Motorik verlangsamt, sie isst nun mit den Fingern. Obwohl die Medikamente bei 65kg Körpergewicht wohl noch niedrig dosiert sein mögen, meine ich, die Dosis müsse reduziert werden. Deshalb suche ich nun ein Gespräch mit dem zuständigen Neurologen ! Es ist wohl eine Gradwanderung zwischen Wohlbefinden des Patienten und der Erträglichkeit von Mitbewohnern und Personal. Mit freundlichen Grüßen Andrea K.

  5. Hallo,
    Meine Mutter ruft ständig Hallo aber erst seit ca einem Monat. Sie kann allerdings auch noch mitteilen was sie hat. Wenn ich frage warum sie ruft, hat sie jedesmal etwas anderes. Mal hat sie Angst dann ist die allein obwohl ich Nebenwirkungen sitze , mal möchte sie nicht mit meinem Mann oder meiner Tochter reden. Man kann also nicht genau bestimmen warum sie ruft. Sie hat teilweise auch die Augen zu und ruft. Sie bekommt Melperon und Risperidon.

  6. Mein Mann 91 Jahre alt ist seit 14 Jahren demenzkrank und seit 2 Jahren Pflegefall. Seit 8 Monaten schreit er, mal mehr mal weniger. Oft im Schlaf oder er lacht dabei. Meine Betreuerin musste für kurze Zeit weg, er war gut versorgt und abgesichert,.der Nachbar kennt die Situation, wohnt eine Straße dazwischen weg und hat Polizei, Feuerwehr und Notarzt Einsatz angefordert. Seine Hunde kläffen den ganzen Tag. Ich sehe daher keinen Anlass, die Fenster ständig zu schließen.ein solches Aufgebot, obwohl er die Situation weiß. Muss ich mir das gefallen lassen?

    1. Hallo,
      wie hat sich die Situation denn geklärt? Möglicherweise war der Nachbar ernsthaft besorgt, dass jemandem etwas geschieht. Das ist die eine Sache. Andererseits wird ihn die Polizei ggfs. aufgeklärt haben, dass es nicht nötig war die Einsatzkräfte zu rufen und in sofern dürften Sie vermutlich kein weiteres derartiges Aufgebot befürchten müssen, in Zukunft.

  7. Guten Tag,
    meine Mutter, 96J., hat sich als „Schreipatient“ entwickelt, die Nächte sind am schlimmsten, aber auch am Tag. Das Personal in der Einrichtung ist genervt und die Nachbarn in den Zimmern auch. Sie bekommt Quetiapin, Pipamperon usw., insgesamt 13 verschiedene Medikamente am Tag. Sie dämmert nur noch vor sich hin, muß gefüttert werden, Augen immer zu, sitzt im Rollstuhl. Als sie vor sechs Monaten in die ‚Einrichtung zog, lief sie eigenständig und ihre Alltagsfähigkeiten waren noch recht gut.
    Die Einrichtung, also das Personal der Station, setzt mich unter Druck, ob ich immer noch kein anderes Heim, mit Geronto gefunden habe. Meine Mutter ist nun in einem Zimmer allein, isoliert und ich weiß nicht warum sie schreit, meißt die gleichen Worte > Hilfe, Hilfe, Mutti. Die Medikamente legen ihren Körper komplett lahm, aber sie will schreien auch wenn sie dann fast nichts mehr raus bringt, nur Laute.
    Das alles ist sehr belastend. Was mache ich nur? Stationär war sie auch schon drei Wochen, ist eher sehr instabil entlassen worden, hat nichts gebracht.
    Viele Grüße
    Danke für Ihre Antwort
    Cordula

    1. Guten Tag.
      Wie Sie dem Artikel entnehmen können, erfordert die Begegnung seitens der Pflege mit diesem Phänomen viel Expertise im Thema, Erfahrung und vor allen Dingen ein „detektivisches Wissenwollen“, um eine Strategie zu entwickeln. Eine „online-Beurteilung“ via Internet ist entsprechend unmöglich, um individuell Ihrer Mutter angemessen begegnen zu können und müsste sehr um Ungefähren bleiben, ohne die Patientin zu kennen. Die enorme Menge der Medikamente sollte auf jeden Fall seitens einer Apotheke bzw. des behandelnden Hausarztes überprüft werden auf mögliche Wechselwirkungen (Polypharmazie), insbesondere bei der von Ihnen geschilderten Wirkung auf den Körper und die Vigilanz. Medikamente sollten nicht dazu dienen, sich Ruhe zu „erkaufen“ sondern konkret einen diagnosebezogenem, therapeutischem Anlass dienen. Eine Rückfrage an die Pflege des Hauses wäre, was man dort glaubt, dass auf einer „Geronto“ passieren würde um den Zustand zu bessern – und was davon nicht auch vor Ort ohne eine Verlegung möglich wäre. Sich durch Verlegung / Umzug der „störenden Bewohnerin“ zu entledigen, löst für selbige kein Problem. Und daran sollte man vor Ort auch interessiert sein.

  8. Meine Schwiegermutter ist 96 Jahre und wird zu Hause gepflegt. Sie ist blind aber hören du sie voll gut. Sie fragt denn ganzen Tag soll ich aufstehen oder aus. Sie auch Momente wo mann sich mit ihr unterhalten kann. bzw sie dann oft eine ganze stunde nicht fragt soll ich aufstehen. sie bekommt 25mg Seroquel. auch wenn mann denn ganzen tag neben ihr sitzt kommt der Satz soll ich aufstehen? was kann mann machen.

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Eine Möglichkeit wäre, dass Sie zunächst ein kleines „Protokoll“ anfertigen, wann Ihre Schwiegermutter NICHT ständig dieselbe Frage wiederholt. Dabei geht es nicht nur um den zeitlichen Aspekt, sondern unter welchen Umständen. Gibt es ein Muster von Bedingungen, die dazu führen, dass sich die Dame beruhigen kann? Sehen Sie auch hier: https://demenz-im-krankenhaus.de/2020/10/06/mit-dem-latein-am-ende-eine-kleine-hilfe-den-blick-zu-lenken-bei-herausforderndem-verhalten-von-menschen-mit-demenz/
      Ein Mensch, der dieselbe Frage immer wieder wiederholt, hat noch keine gültige (befriedigende) Antwort erhalten. Nicht immer, aber häufig kann man diese für Menschen mit Demenz finden: lassen Sie sich hierzu professionell beraten.

  9. Guten Tag Her Guts,
    mein Vater kam nach einem Delier und einer leichteren Demenz im Vorfeld vor 7 Jahren ins Pflegeheim. Vor einem Jahr hatte er in kurzen Abständen 4 Krankenhausaufenthalte (Schlaganfall, RSV, Magenproblem, Lungenentzündung) Das war sicher massiver Stress. Wir haben ihn dabei eng begleitet. Seit nun fast einem Jahr schreit er. Alle detektivischen Maßnahmen, Massage, Streicheln, Dasein, schlussendlich auch Medikamente haben nicht geholfen. Zwischenzeitlich geht es uns selbst an die Gesundheit, weil wir es einfach nicht mehr aushalten (besuchen ihn aber trotzdem 5-6 × die Woche)
    Nun zu meiner Frage: Gibt es eine Art „Altersarzt“, der sich spezialisiert hat auf Altersmedizin und Demenz, den ich als Tochter konsultieren kann? (Psychiater und Hausarzt sind regelmäßig bei ihm, haben aber aufgegeben) Ich möchte meinem Vater gerne helfen, habe aber einfach keine weitere Idee.
    Für einen Tipp wäre ich ihnen sehr dankbar.
    Mit freundlichen Grüßen
    Elisa Miller

    1. Hallo Frau Miller, einen Facharzt/ -ärztin der/die sich auf Altersmedizin spezialisiert haben, tragen die Zusatzbezeichnung „Geriater“ bzw. Geriatrie. Diese sind jedoch oft nicht niedergelassen, sondern in Krankenhäusern tätig. Sie können ggfs. einen Arzt / Ärztin mit der Zusatzbezeichnung Geriatrie finden über https://www.kbv.de/html/arztsuche.php . Auch der behandelnde Hausarzt hat ggfs. Kenntnis, wo sich eine Praxis befindet oder verfügt über einen entsprechenden Kontakt. Häufig ist es jedoch vor allem an der Pflege, eine Lösung für das Verhalten zu finden. Ein systematisches Vorgehen ist hier besonders wichtig. Alles Gute. Es grüßt Sie Jochen Gust.

  10. Es ist ermutigend zu sehen, dass die Bedeutung nichtmedikamentöser Interventionen in der Betreuung von Menschen mit Demenz betont wird. Als Arzt ist es wichtig, dass wir zusammenarbeiten, um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Wir müssen die Individualität jedes Patienten verstehen und geeignete nichtmedikamentöse Ansätze entwickeln. Diese Artikel bietet wertvolle Einblicke in die Komplexität des herausfordernden Verhaltens und erinnert uns daran, dass Menschen mit Demenz ein Recht auf Kommunikation haben, auch wenn sie nicht verbal ihre Bedürfnisse ausdrücken können. Wir müssen die Akzeptanz und das Verständnis in der Gesellschaft fördern, um eine friedliche Koexistenz zu gewährleisten.

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