Demenzprojekte – neu, innovativ, nie nachhaltig?

Wissen Sie, warum ich nicht gerne in „Projekten“ arbeite? Weder im Krankenhaus, noch im Pflegeheim oder anderswo? Weil sie in der Regel in sich zusammenfallen, wegsterben, sobald die Projektmittel aufgebraucht sind. Endet der Förderzeitraum, endet das Projekt.

Deutschland ist ein Land der Demenzprojekte. Diese versanden und verflachen, wenn kein Geld mehr von Drittstellen fliesst. Was letztlich produziert wird und nach wenigen Jahren bleibt ist meist eine Menge gedrucktes Papier, tolle Fotos und pdf-Dateien und Powerpointpräsentationen. Zum Gedenken an eine gute Sache. Zum Ruhm der Teilnehmenden. Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und die „Otto-Normal-Pflegefachkraft“ hat davon häufig nichts (mehr). Ist wie im Schulungsbereich: ein Haufen „Expert*innen“ erklärt Pflegefachleuten und Betreuungskräften, wie „es“ geht – ohne selbst im Echtbetrieb Zuhause zu sein.

Hauptsache gesehen

Demenzprojekte werden allzuschnell selbstreferentiell. Ihre Wichtigkeit beziehen sie nicht aus der Wirkung in der Praxis, sondern wie „gut“ ein Projekt ist oder war wird am Umfang der Veröffentlichungen und medialen Aufmerksamkeit gemessen. Natürlich nicht nur im Bereich der Demenz. Viele Projekte für ältere Menschen, Institutionen und Fachstellen scheinen mittlerweile ihre Existenzberechtigung aus der Menge der Newsletter und pdf-Dateien abzuleiten, die sie veröffentlichen. Der 28jährige Irgendwasmitmedienstudierte wird schnell wichtiger, als die Fachfrau die tatsächlich mit Betroffenen arbeitet, wichtiger als das was pflegende Angehörige zu sagen haben und leider auch wichtiger, was die Betroffenen selbst beizutragen hätten.

Bestimmte Titel und Abschlüsse scheinen geradezu notwendig zu sein, um an Fachrunden teilzunehmen oder die Möglichkeiten zu haben, Fördergespräche über Projektfinanzierungen führen zu können – von der Uni direkt an die Fördertöpfe, ohne jemals wirklich außerhalb von Praktika, netten Veranstaltungen oder vielleicht dem eigenen Familienkreis Menschen mit Demenz auch nur gesehen, geschweigedenn zur angemessenen Versorgung beigetragen zu haben.

Das hat Fehlentwicklungen und letztlich Geldverschwendung zur Folge. Und für viele Beteiligte und Kolleginnen und Kollegen (ähnlich wie bei Schulungen): Frustration. Das kann man vermeiden. Das sollten Sie als Demenzbeauftragte vermeiden.

Am Ende sollte Ihr Projekt unabhängig funktionieren

All das heißt nicht, dass Projekte generell sinnlos sind. Und die hier gemeinten Projekte beziehen sich nicht auf Forschung, auch wenn dazu ebenfalls eine Menge zu sagen wäre. Schließlich haben wir weniger ein Erkenntnisproblem, als vielmehr eines der Umsetzung in Sachen Demenz. Aber lassen wir auch das für den Augenblick.

Ich möchte Ihnen, den Demenzbeauftragten, besonders Mut machen, über eigene Projekte nachzudenken. Jedoch mit einer Bitte und Botschaft: richten Sie Ihr Projekt stets so aus, dass es nachhaltig wirkt. Dass Sie es auch dann, vielleicht in einer „Light-Version“ weiterführen können, wenn der Förderzeitraum – und damit das Geld Dritter – ausgelaufen ist. Nutzen Sie Projektmittel stets so, dass Sie Ihr „Baby“ zum Laufen bringen – aber so, dass es später alleine weiterlaufen kann. Alleine im Sinne dessen, dass Sie keine Fördermittel mehr aus Projekttöpfen benötigen. Darauf richten Sie es aus – oder lassen die Finger davon.

So kommen Sie zu Geld

Seit gut 20 Jahren arbeite ich immer wieder auch in Demenzprojekten und habe in diesem Sinne schon Geld für alles mögliche aufgetrieben bzw. dazu beigetragen. Hier finden Sie daher einige Tipps und Infos, wie Sie – vielleicht – Ihr Projekt finanziert bekommen bzw. von wem.

Das A und O ist dabei natürlich erstmal Ihr Projektkonzept. Schon bei seiner Ausarbeitung machen Sie sich unbedingt eine weitere Datei auf mit Dingen, die Sie bedenken müssen, Gefahren die Sie sehen, Ansprechpartnern etc. . Wenn Sie 10 bis 12 Seiten überschreiten, fertigen Sie zudem einen Auszug an, den Sie für Anträge und als Kurzinfo verwenden um damit Dritten anzubieten ausführlich ins Gespräch zu kommen. Aber es soll hier nicht um Konzepterstellung und Projektplan gehen. Sondern um mögliche Wege, Ihr Projekt zu finanzieren.

Vorgehen – fragen kostet nichts

Zunächst sind Sie gut beraten, Ihrem eigenen Träger Ihre Projektidee (ausgearbeitet!) vorzustellen. Möglicherweise benötigen Sie auch sein Einverständnis, um Drittmittel einzuwerben. Für Angestellte also: erst die Bedingungen klären, dann loslegen. Und da wir im Gesundheitswesen sind: nein, eine Projektumsetzung ist nicht Ihr persönlicher Freizeitspaß, sondern muss bezahlte Arbeitszeit sein.

Vergessen Sie nie: zu Ihrem Projekt gehört auch ein detaillierter Plan von Veröffentlichungen und Pressearbeit. Damit erzielen Sie mehrere Effekte, zwei seien hier kurz genannt:

  1. Träger können nicht mehr so leicht raus aus der Nummer und Ihrem Projekt den Boden entziehen, wenn es bereits die Runde macht und mediale Aufmerksamkeit erlangt hat.
  2. Markstellung / Abhebung von Mitbewerbern am Markt sind für den Geldgeber im eigenen Haus ein wichtiges Kriterium wenn es darum geht, Geld zur Verfügung zu stellen. Heißt für Sie: ist Ihr Laden groß genug, dass er über eine eigene Abteilung Öffentlichkeitsarbeit verfügt, holen Sie diese Leute unbedingt mit ins Boot.

Das Vorgehen kann außerhalb Ihres Trägers ansonsten regional unterschiedlich aussehen. Zum Beispiel können Sie so vorgehen: eigener Träger – Kommune – Landkreis – Land – Bund.

Die Förderdatenbank des Bundes finden Sie hier.

Weitere Adresse aus denen Sie möglicherweise Finanzmittel erhalten können sind:

Fernsehlotterie

Herrman Reemtsma Stiftung

Software-AG Stiftung

Wilhelm von Lauff Stiftung – Deutsche Stiftung für Demenzerkrankte

Sie kennen weitere Förderer und Geldgeber in Sachen Demenz? Schreiben Sie mir gerne oder am besten gleich einen Kommentar unter diesen Artikel.

Es grüßt Sie

Jochen Gust

Photo by Michael Longmire on Unsplash

Ein Kommentar

  1. „aus der Seele“
    Seit über 30 Jahren arbeite ich als Pflegefachkraft (mit diversen Weiterbildungen), in einem Gerontopsychiatrischen Fachbereich einer Psychiatrischen Klinik und begleite und pflege Menschen mit Demenz, die zu uns, auf Grund von Krisen (ich frage mich oft wesen Krisen) zur Behandlung geschickt werden. Viele Kolleginnen und Kollegen, und Projekte habe ich schon kommen und vor allem wieder gehen sehen. Und auch ich muss sagen, es wird zunehmend schwieriger „adressatengerechte“; schon das Wort verspricht Anonymität; nennt es besser personenbezogene Pflege und Behandlung zu gewährleisten. Ausdauer, Teamspirit und Kreativität am Kunden, ist nicht mehr gefragt, es zählt Dokumentation, Fallzahl und Wirtschaftlichkeit. Kleines Beispiel, die Verweildauerwurde von Jahr zu Jahr kürzer, wird zur Maxime und der „nicht auffindbare Heimplatz“, für Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen (wann wird diese Herausforderung von UNS angenommen?) ist wichtiger als die individuelle Pflege und Behandlung. Hat man einen dieser Plätze dann ergattert- schnell Verlegung. Das führt nicht selten zu „Drehtüreffekten“, sprich schneller wieder Einweisung. Aber Hallo! Das kennen Wir „alten Hasen“ doch, war ja schon in den 1960 und 70 Jahren in der Psychiatrie ein ungelöstes Problem. Und heute wieder?!. Was haben wir dazugelernt? Mehr Experten, mehr Fortbildung; akademische Qualifizierung, zusätzliche Spezialisten in Büros, und gleichzeitige Ausdünnung der Pflege vor Ort. Aber was kann und wird dann umgesetzt in der Praxis, bei nicht gelösten STRUKTURQUALITÄTSPROBLEMEN (mein Personal rennt weg…). Entnervt verlassen die Kolleginnen/ Kollegen aus der Pflegepraxis, aller Ebenen und Sektoren dann das Gesundheitswesen. Und dennoch werde ich weiter KLEINE und von mir prüfbare Projekte auf Station mit meinen Kolleginnen/ Kollegen machen. Aber Zukunft im System sieht für die Betroffenen und uns Pflegepraktikerinnen/ Pflegepraktiker anders aus.
    P.S. Ich möchte am jährlichen Welt- Alzheimer Tag (21. September) nicht wieder Projekte aus dem Ausland, in der Tagesschau, ansehen müssen, wäre schön wenn sich mal aus Deutschland etwas nachhaltig etablierst finden würde.

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