Kommunikation in Demenz-Wohngemeinschaften

Dr. phil. Svenja Sachweh ist unter anderem durch das Buch „Spurenlesen im Sprachdschungel: Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen“* vielen Pflegeberuflern bekannt. In Ihrem neuen Buch begibt sie sich in Sachen Kommunikation speziell in Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz auf Spurensuche.

Niemand der mit Menschen mit Demenz arbeitet unterschätzt den hohen Stellenwert einer angepassten Kommunikation. Hierfür über einen „breiten Werkzeugkasten“ – also Kenntnis von verschiedenen Methoden zu haben und diese jeweils zur Situation anpassen zu können kommt einerseits mit der Erfahrung, andererseits benötigt es jedoch Training, Übungen, Wissen.

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Häufig wird einer gezielten und trainierten Kommunikationsfähigkeit mit Menschen mit Demenz zu wenig Bedeutung beigemessen, vermutlich weil die dafür notwendigen Fähigkeiten und das Wissen vorausgesetzt werden und der Bedarf an Kenntnis und Übung darin unterschätzt wird. Kommunikation die schief geht, sorgt schnell für Frustration, kann Menschen mit Demenz zu Fehlhandlungen oder auch herausforderndem Verhalten provozieren und trägt natürlich so gar nicht zum Wohlbefinden aller Beteiligter bei. Umso wichtiger, dass Svenja Sachweh über Ihre Firma TalkCare Kommunikationstrainings für Pflege und Betreuung anbietet. Sie ist außerdem Autorin zahlreicher Zeitschriftenbeiträge. Ihr neues Buch, in dem sie sich die Kommunikation in Wohngemeinschaften näher anschaut, steht open access hier zur Verfügung.

Jochen Gust: Frau Dr. Sachweh, Ihr aktuelles Buch befasst sich speziell mit Kommunikation in Demenz-Wohngemeinschaften. Warum gerade dort?

Dr. Svenja Sachweh: Ich habe immer wieder gelesen, dass das aktivierende Konzept und das Leben in einer kleinen Gruppe bei den Mitarbeitenden zu mehr Zufriedenheit, und bei den Bewohner*innen zu gesteigertem Wohlbefinden führt. Und dass viele Menschen mit Demenz, die schon verstummt waren und sich bereits ganz in ihre eigene Welt zurückgezogen hatten, dort wieder aufgeblüht sind. Mich hat interessiert, ob sich das Konzept auch positiv auf das Gesprächsverhalten alle Beteiligten auswirkt. Und falls ja: was man von den dortigen Pflege- und Betreuungskräfte lernen und an alle weitergeben kann, die mit Menschen mit Demenz umgehen. 

Jochen Gust: Gibt es große Unterschiede in der Kommunikation zwischen Pflegenden und Menschen mit Demenz im Pflegeheim oder eine Wohngemeinschaft?

Dr. Svenja Sachweh: Die Unterschiede sind tatsächlich eher quantitativer Natur: In den WGs wird mehr und vielfältiger kommuniziert, und das Verhältnis zwischen zweck- und beziehungsorientierten Gesprächen ist dort viel ausgewogener. Vor allem aber nehmen die Bewohner*innen aktiver und interessierter an Unterhaltungen teil. Angesichts des besseren Personalschlüssels haben Pflegende in WGs viel mehr Möglichkeiten, sich neben dem körperlichen auch um das seelische Wohl der dort lebenden Menschen zu kümmern. Und anders als ihre Kolleg*innen in den Heimen dürfen und sollen sie sich die Zeit nehmen, die Bewohner*innen in jeder Hinsicht zu aktivieren. Dadurch haben sie einige sehr kreative und emotionsorientierte Motivationstechniken entwickelt.

Dr. Svenja Sachweh
Dr. Svenja Sachweh bietet Vorträge und Schulungen zur Kommunikation mit Menschen mit Demenz an.

Jochen Gust: Welche Erkenntnisse lassen sich womöglich aus dieser Arbeit ganz allgemein für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz ableiten – also in unterschiedliche Pflegesettings übertragen?

Dr. Svenja Sachweh: Gut ist, was guttut: In Kommunikationsschulungen wird gemeinhin gelehrt, was man für angemessen hält, und kritisiert, was einem ethisch-moralisch fragwürdig erscheint. Dabei wird aber kaum jemals auf Meinungen oder Bedürfnisse der Betroffenen geschaut! Man sollte also genauer hinhören: Menschen mit Demenz zeigen deutlich, welche Umgangsformen ihnen gefallen. Auf Strategien, die ihnen guttun, reagieren sie positiv. Zudem greifen sie sie auf und imitieren sie. Und dazu gehört nicht nur Unstrittiges wie das Herumblödeln, das Recyceln witziger Sprüche und das Singen, sondern im Einzelfall beispielsweise auch das Duzen und die Babysprache – also Formen der Nähekommunikation, die in der Altenpflege pauschal als „no go“ gelten.

Beziehungsarbeit lohnt sich: Menschen mit Demenz fühlen sich umso wohler, verhalten sich umso sozialer und sind umso motivierbarer und friedlicher(?), je mehr man ihr Selbstbewusstsein stärkt, und je aufrichtiger man Respekt für sie, sowie Zuneigung und Interesse an ihnen und ihrem Leben signalisiert.

Das Konzept „Fördern durch Fordern“ geht auf: Wenn man Menschen mit Demenz möglichst umfassend in alltägliche Abläufe einbindet, verschafft man ihnen nicht nur Erfolgserlebnisse und das Gefühl, gebraucht zu werden – man regt sie auch geistig und körperlich an und erreicht dadurch offenbar sogar eine Verlangsamung der krankheitsbedingten Abbauprozesse.

Man lernt nie aus: Wir alle haben zwar die besten Absichten, machen aber unbewusst auch Fehler. So geben wir uns einerseits sehr viel Mühe, höflich und gesichtswahrend auf Verwirrtheit und Desorientierung zu reagieren – um die Betroffenen Sekunden später realitätsorientierend, kränkend und von oben herab zu behandeln. Tatsächlich müssen viele von uns nicht respektvolle Umgangsformen erlernen. Wir müssen respektlose wie das Reden über Betroffene in deren Hörweite, oder das Konfrontieren, Kritisieren und Auslachen verlernen!

Jochen Gust: Vielen Dank für Ihre Antworten und viel Erfolg weiterhin in Ihrer Arbeit.

Ich persönlich erlebe und denke, dass die eigenen Fähigkeiten situationsgerecht mit Menschen mit Demenz zu kommunizieren, stets und wieder und wieder trainiert werden sollten. Damit ist man als Pflegeprofi nie wirklich fertig. Schließlich kommt es gerade hier in vielen Situationen auf einen bewussten Umgang mit dem eigenen Kontakt- und Kommunikationsverhalten an.

Jochen Gust

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Fotos:
Miguel Á. Padriñán on pexels
S. Sachweh

Das neue Buch von Svenja Sachweh über Kommunikation in Demenz-WG steht hier open access zur Verfügung. Weitere Buchvorstellungen und Hinweise rund um Veröffentlichungen zum Thema Demenz finden Sie hier auf der Homepage in der Kategorie Bücher.

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