Buchempfehlung: Bindung und Demenz

Bindung ist ein Grundbedürfnis und in seiner Bedeutung und Wirkung – erfüllt oder nicht erfüllt – nicht zu unterschätzen. Das Buch von Harald Blonski will die besten Konzepte zur Beziehungsgestaltung mit Menschen mit Demenz darlegen.

Bindung und Beziehung sind Teil der Lebensqualität

Harald Blonski ist u.a. Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Psychogerontologe. Sein Buch, erschienen bei schluetersche unter Mitwirkung weiterer Autorinnen und Autoren, ist in sieben Hauptkapitel unterteilt und 184 Seiten stark.

Wie wichtig die Bindungs- bzw. Beziehungsgestaltung gerade in der Versorgung von Menschen mit Demenz ist, ist vielen an der Versorgung beteiligen Gesundheitsprofis ohnehin klar, spätestens seit der Einführung des *Expertenstandards Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz durch das DQNP 2018* aber deutlich stärker ins Bewusstsein gerückt. Auch das Buch von Hans-Jürgen Wilhelm mit ‚Tipps zur Umsetzung des Expertenstandards habe ich hier schon vorgestellt.

Theorie und Praxis verbinden

Im ersten Kapitel befasst sich der Autor intensiv mit Bindungstheorie(n) und dem damit zusammenhängenden Verhalten des Menschen. Von Ainsworth bis Grossmann über Freud und Bowlby bis Kitwood lässt Blonski nichts aus, ohne den Leser mit theoretischem Wissen und Herleitungen zu erschlagen. Es ist ihm gelungen, die Grundlagen in einer kompakten, überschaubaren Weise darzulegen, die nicht langweilt und auch nicht übersprungen werden will. Interessant ist, wie er sich der Bedeutung des Themas nähert und dabei explizit auch auf den Sinn und die Relevanz eingeht, ohne aktuelle und kommende Probleme (Mangel an Pflegefachpersonen, demographische Entwicklung, Epi- und Pandemien) auszusparen.

Bindungs- und Beziehungswünsche als Herausforderung

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In der Versorgung von Menschen mit Demenz wird Blonski durchaus konkret. Beispielsweise zeigt er, wie das Bedürfnis nach Bindung sich im von ihm genannten „shadowing“ zeigen kann, Fachleuten vielleicht eher bekannt als Attachment-Verhalten bei Demenz. Das unerfüllte Bedürfnis nach Bindung kann also zu herausforderndem Verhalten führen – und die sorgende Umgebung sehr belasten. Damit wird nochmals die Relevanz des Themas deutlich.

Perspektive anderer AutorInnen

Wilhelm Stuhlmann befasst sich im 2. Kapitel mit der lebenslangen Bedeutung von Bindung und in der professionellen Arbeit mit Betroffenen daher mit Biographiearbeit und den Auswirkungen von Bindungsmustern. Auch er bleibt dabei nicht in „grauer Theorie“ hängen, sondern zeigt in praktischen Beispielen die Folgen im Versorgungsalltag auf. Maria Kammermeier geht auf die Person-zentrierte Pflege ein und den Zusammenhang von Selbstbestimmung und Lebensqualität und spart – richtig gut – auch nicht aus, dass die Bindungserfahrungen der Pflegepersonen selbst eine Rolle spielen sowie deren generationenübergreifende Bedeutung.

Jeanette Lösing und Elke Strauß legen die mäeutische Arbeitsweise im Kapitel 4 dar, die Selbsterhaltungstherapie nach Dr. Barbara Romero im Kapitel 5 von Natalie Ogel lässt ebenfalls nichts Wesentliches aus, auch wenn sie mir etwas schwächer erschienen als die vorangegangenen Kapitel. Gerade theoretische Erklärungen zu Bindungsmustern oder persönlichen Erlebnissen („Schon im Kindesalter habe ich….“) wirken etwas wiederholend bzw. nicht relevant bezogen auf das Thema des Buchs.

Das 6. Kapitel befasst sich mit tiergestützten Intervention und wurde von Leonina Kastele und Kristin Bruks verfasst. Es ist mit mehr als 20 Seiten umfangreich ausgefallen. Wer im Bereich von Menschen mit Demenz mit Tieren arbeitet oder arbeiten will wird es lesen und nicht bereuen – alle anderen dürfen das Kapitel verlustfrei überspringen.

Spiritualität und Beziehungsgestaltung

Das 7. und letzte Kapitel von Carmen B. Birkholz ab Seite 161 befasst sich mit Spiritualität und Bindung im Zusammenhang mit Demenz. Bei diesem Thema gleiten gerade Texte gerne ins Schwurbeln ab, ins Esoterische, ins Herumdeuteln irgendwo zwischen Horoskop, Homöopathie,  Pendeln und „Energiearbeit“. Das war auch meine Befürchtung – welche aber unbegründet war. Die Autorin versteht in hervorragender Weise das Thema Spiritualität und Demenz zu beleuchten, es praktisch, greifbar und echt für den Alltag zu machen – völlig fern des von mir befürchteten Unsinns schreibt sie (S. 175): „Als Selbstsorge ist Spiritualität eine Praxis der emotionalen Verbundenheit, in der es darum geht, selbst Zuspruch, Vergewisserung und Entlastung zu erfahren.“.

Fazit

Harald Blonski und den MitverfasserInnen ist hier *ein wichtiges, gutes Buch gelungen*. Es ist in meinen Augen sogar ein unterschätztes Werk, denn es bietet gerade Pflegefachleuten und Betreuungskräften eine gute Mischung aus theoretischem Verständnis und praktischer Wirkung des Themas Bindung bei Demenz.

Wer sich den entsprechenden Expertenstandard zulegen will, sollte dieses Buch gleich mitbestellen*.

Jochen Gust

Weitere Buchvorstellungen finden Sie auf dieser Webseite. Zum Beispiel zur Aktivierung rund ums Jahr, oder „Dement, aber nicht vergessen“ wie auch ein Buch zu den Grundlagen zum Thema Alzheimer und Demenz und weitere.

Titelfoto: Oleksandr Canary Islands

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