Empathie und Demenz: „Ja, Empathie lässt sich trainieren.“

Ob Webseiten, Broschüren, Vorträge oder Schulungen: immer wieder werden pflegende Angehörige, Pflegefachleute und Betreuungskräfte dazu aufgefordert, „empathisch“ mit Menschen mit Demenz zu sein. Zumeist bleibt es bei der mehr oder minder diffusen Aufforderung. Denn dann sollte alles klappen in der Versorgung von Menschen mit Demenz – oder?

Nur – wie geht das eigentlich, dieses empathisch sein? Sind wir das als Menschen nicht automatisch von Geburt an? Auch in Drucksituationen? Ist Empathie dasselbe wie Mitgefühl? Oder kann sie sogar schädlich sein, diese Empathie?

Dr. Olga Klimecki ist ein Profi auf dem Gebiet der Neuroplastizität und eine erfahrene Forscherin und Psychologin. Sie schult und trainiert Menschen in vielfacher Weise was den sozialen Umgang miteinander angeht, bietet Burnout- und Resilienztrainings sowie individuelle Beratung an.

Ich habe ihr Fragen zum Thema Empathie gestellt:

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Dr. Olga Klimecki zum Thema Empathie.

So weit die Expertin, die sich freundlicherweise die Zeit genommen hat. Am 20.09.2022 findet übrigens eine passende Veranstaltung statt: Ludwig Thiry vom Bildungszentrum der Uniklinik Köln verantwortet das Projekt empCare und wird im Rahmen des Praxisdialogs ab 16:00 Uhr berichten (WebEx). Am besten gleich anmelden.

Fähigkeiten pflegen ohne Aufopferung

Die Gefühlslage des Gegenübers wahrzunehmen – und zwar ohne an ihr zu leiden oder sie gar zu übernehmen – ist sicher ein Kernelement jener Fähigkeiten, die zu einer guten Versorgung von Menschen mit Demenz beitragen.

Es lohnt sich also, sich damit eingehender zu befassen. Insbesondere wenn Sie sich selbst für sehr empathisch halten, dient es auch ihrem Selbstschutz mehr zum Thema zu wissen und Wege zu finden, mit den eigenen Fähigkeiten hauszuhalten. Empathie ist ein Skill, den es zu pflegen gilt. Ich bin sicher, dass der Rat „seien Sie empathisch“ gegenüber Menschen mit Demenz für Gesundheitsberufler meistens völlig überflüssig ist. Wichtiger wäre Empathie als Instrument, gerade in der Versorgung von Pflegebedürftigen, zu verstehen und damit dazu beizutragen daraus langfristigen beruflichen Nutzen ohne Selbstverbrennung zu erzielen. Also nicht „ob“, sondern „wie“. Das ist für mich der Punkt.

Nähe und Distanz

Vielfach wird die Versorgung von Pflegebedürftigen als eine besondere Haltung der Nähe, der liebevollen Fürsorge verstanden. Das mag auch innerhalb einer Liebesbeziehung oder der Familie Gültigkeit haben. In der beruflichen Pflege und Betreuung ist die professionelle Versorgung jedoch eine Kunst der richtigen Distanz. Es ist leicht sich vom Leid anstecken zu lassen und schwer, einmal angesteckt, angemessene Entscheidungen zwischen Lassen und Tun zu treffen.

Empathie kann Missverstanden werden

Im Umgang (nicht nur) mit Menschen mit Demenz kommt der Empathie bzw. den Handlungen die darauf folgen nochmals eine weitere Bedeutung hinzu: wir gehen davon aus, dass unser Einfühlungsvermögen und unser Mitgefühl unserem Gegenüber stets willkommen ist. Oft wird das auch unseren Erfahrungen entsprechen. Nicht selten gehen spontane Berührungen oder andere Reaktionen damit einher – die Menschen mit Demenz missinterpretieren können. Das ist ein weiterer guter Grund, sich ausführlicher mit dem Thema zu beschäftigen. Damit empathisches Handeln frei von Übergriffen bleibt, ist ein sehr bewusste Umgang damit erforderlich. Das bedeutet auch anzuerkennen, dass nicht jede Handlung die ich mir von meinem empathischen Gegenüber für mich wünsche eine ist, die ich anderen zu Teil werden lassen sollte. Denn eines ist sicher: um einem anderen Menschen wirklich zu begegnen zu können müssen wir vor allem eines sein: ganz bei uns.

Jochen Gust

Weitere Beiträge zum Thema Demenz auf Youtube finden Sie hier. Haben Sie eigene Tipps – z.B. empfehlenswerte Bücher zum Thema? Schreiben Sie gerne einen Kommentar.

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