Fesselnde Heimlichkeiten: „normale“ Freiheitsbeschränkungen ohne Gurt und Bettseite

Ich liebe Geschichten. Vor allem gute. Und vor allem welche, die mit der Versorgung von Menschen mit Demenz zu tun haben. Ich lerne immer dazu, bewundere oft die Expertise und die Kreativität von Pflegenden ganz unterschiedlichen Hintergrunds, ebenso von Betreuungskräften und Angehörigen. Die Einfühlsamkeit, den Ideenreichtum und die Zugewandtheit die möglich sind, trotz Druck und Stress der nun wirklich nicht weniger wurde in den vergangenen Jahren. Oft kann ich auch etwas lernen und manchmal habe ich Gelegenheit, meine eigenen Geschichten zum Thema Demenz zu erzählen und mit Kolleg*innen und Interessierten zu teilen und zu schauen, was wir daraus machen können für den „nächsten Fall“.

Und dann gibt es Geschichten in Sachen Demenz, die mich fast sprachlos machen. Oder zweifeln lassen. Weil ich dachte, dass wir längst weiter sind.

„Jetzt bleib endlich sitzen.“

Es ist mehr als 20 Jahre her, als ich eine Familie besuchte. Unpassender Weise trudelte ich ein, als man gemeinsam beim Essen saß. Grund war, dass man Fragen in Sachen Demenz hatte und mich eine Bekannte der ich schlecht etwas abschlagen kann um den Besuch gebeten hatte. Ich traf also ein, und die verwirrte Delinquentin saß auch schon am Mittagstisch. Und ruckelte dort mit weit geöffneten Augen herum. Ihr Sohn hatte sie mit handelsüblichen Gürteln um die Oberschenkel am Stuhl festgebunden. Weil die Dame beim Essen sonst immer wieder aufstand und umherlief. Man wusste sich nicht anders zu helfen, war gereizt, genervt und überlastet mit der Mutter und hatte große Sorge, dass sie nicht genügend essen würde wegen des ständigen Aufstehens. Nach dem Austausch einiger Unfreundlichkeiten fanden wir schließlich eine andere Lösung. Wie gesagt, mehr als 20 Jahre ist das her.

Fällt der Schnee von gestern wieder?

Ich behaupte, dass das Wissen um FEM (freiheitsbeschränkende /freiheitsentziehende Maßnahmen) in der Berufsgruppe der Pflegeprofis stark gewachsen ist in den vergangenen Jahren. Studien, Schulungen, Initiativen und Projekte haben einen großen Einfluss darauf gehabt. Auch das gewachsene Verständnis von Recht und Gesetz schützen heute besser vor widerrechtlichen Fixierungen. Trotzdem: rechtlich in Ordnung heißt nicht automatisch alternativlos. Personalnot und zeitlicher Druck können erheblich dazu beitragen, dass keine Alternativen mehr gesucht werden. Mitlaufen, überzeugen, ablenken – das sind Dinge, die brauchen Zeit. Zeit, die oftmals nicht vorhanden ist. Das gegenwärtige System mit seiner Personalknappheit produziert Opfer auf allen Seiten. Und Menschen mit Demenz sind besonders prädestinierte Opfer, denn entweder glaubt man ihnen nicht bei Beschwerden, oder sie sind zu einer Schilderung eines Tathergangs nicht mehr in der Lage. Aktuell habe ich eine neue Geschichte erhalten, die ich hier teilen will:

Der Fesselsessel

Eine alleinlebende Dame mit Demenz wird relativ engmaschig von ihrer Tochter gepflegt und betreut. Als sie zu einem Termin ist, springt eine bei einem Pflegedienst angestellte Betreuungskraft ein, um in der Zeit die Beaufsichtigung der sehr bewegungsfreudigen, orientierungslosen Dame zu gewährleisten. Es kam wie es kommen musste, der Termin der Tochter zog sich und die Betreuungskraft musste weiter. Sie rief die Tochter an um sich zu erkundigen, wo diese denn bliebe. Am Telefon kam man überein, dass die Mutter in einen Sessel mit Kippfunktion gesetzt würde. Dieser würde so weit nach hinten gekippt und die Beine hochgelegt, dass sie es aus eigener Kraft nicht würde schaffen können, aufzustehen. Das Ganze ist „gut“ ausgegangen im Sinne dessen, dass mir keine Verletzungen der Mutter bekannt geworden sind beim Versuch, dem Sitzmöbel zu entkommen.

Im Gespräch, Tage später auf den Vorgang angesprochen war vor allem eines deutlich: es war keinerlei Risiko- oder Unrechtsbewusstsein bei den Beteiligten des Anbieters vorhanden. Schließlich habe man die Kundin ja weder festgebunden noch eingeschlossen. Und überhaupt: es sei ja nichts passiert und es seien keine „normalen Fixierungen“.

Ahja.

Ich frage mich bei dieser Geschichte: waren wir nicht schon mal weiter? Ist nicht klar, dass es vollkommen irrelevant ist, ob der alten Dame im Fesselsessel etwas Offensichtliches passiert ist oder nicht? Rundgefragt wussten erschreckend viele Leser*innen, Freunde und Bekannte sowie Schulungsteilnehmer leicht Beispiele zu nennen, die ihnen im Arbeitsalltag schon begegnet sind – und zwar sowohl in der Häuslichkeit, als auch im Pflegeheim oder Krankenhaus:

  • das Feststecken von Rollstühlen
  • alte Menschen auf schweren Stühlen an Tische so dicht heranrücken, dass sie aus eigener Kraft nicht aufstehen können,
  • Hängesessel auf Wohnbereichen und in Aufenthaltsräumen (zur Entspannung bei Unruhe!) die es den Sitzenden unmöglich machen aufzustehen und deren Rufe geflissentlich überhört werden
  • unerreichbar weggestellte Rollatoren oder Gehhilfen,
  • ohne Therapieziel und Definition verordnete „Bedarfsmediaktion“
  • „schwarzen Löcher“ vor Stationstüren und auf Fluren
  • das Anziehen einer Gewichtsweste, damit jemand nicht vom Sofa hochkommt
  • das zusammenbinden einer Schürze hinter der Stuhllehne

…und ein paar mehr (ich will ja niemanden auf Ideen bringen).

Genial daneben

Ich kann sehr gut verstehen, wenn Angehörige sich gerade beim Thema FEM (rechtlich) falsch verhalten. Aus Unwissenheit in erster Linie, aber auch aus Verzweiflung, aus Überforderung, aus Sorge und Angst. Und bevor ich 23 Nachrichten bekomme: „verstehen“ heißt nicht „gut finden“.

Was mir zu schaffen macht ist, wenn Gesundheitsberufler solche Dinge hinnehmen, sie leichten Herzens erzählen können – auch in großer Runde unter Fremden. Als seien es völlig übliche Handlungen. Ich hatte stellenweise den Eindruck, einige empfanden manche Maßnahme gar als genial trickreich. Und vor allem: als alternativlos. Die können ja nicht alle „ins Heim“ oder in die „Psychiatrie“. Vielleicht ist es am Ende auch nur Fatalismus. Unter den Umständen, unter denen die Versorgung heute stattfindet, muss man sich „irgendwie“ zu helfen wissen? Manchmal fehlen mir die Kolleginnen und Kollegen, die es als eine Art Versagen empfinden, wenn man keine gute, passende, zufriedenstellende oder wenigstens akzeptable Lösung finden kann. Nicht um sich persönlichen Versagens zu bezichtigen und abends beschämt in den Schlaf zu weinen. Sondern als Ausdruck einer Haltung, einer Motivation: „Hast Du alles abgerufen was Du kannst? Alles ausprobiert? Weitere Expertise abgerufen bevor….?“.

Ich weiß, dass es sie gibt. Dass sie da draußen sind und sich einsetzen. Jeden Tag. Jede Nacht. Und ich freue mich, wann immer ich sie treffe: die Ideenhaber*innen, die Aushaltekönner*innen, die Ausprobierer*innen, die Grenzzieher*innen. Gut, dass ihr da seid und „alternativlos“ denen überlasst, die nicht mehr können.

Jochen Gust  

Foto: lalesh aldarwish

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