Die Beschämten: Demenz und die tägliche Demütigung

Anlass ist diesmal eine EMail. Eine langjährige Mitstreiterin in Sachen Demenz schilderte mir wie sie mitbekam, wie ein älterer Herr mit Demenz in einem Krankenhaus gemaßregelt wurde, weil er keine „ordentlichen Antworten“ gab.
Zeit über die Beschämungen zu schreiben, die Menschen mit Demenz immer wieder erfahren.

Beschämung ist aktiv

Vermutlich macht jeder Mensch im Leben einmal die Erfahrung, von einem anderen bloßgestellt zu werden. Vielleicht schon als Kleinkind. Eigentlich zu „den Großen“ gehörend weil „schon trocken“, ist doch ein Malheur passiert. Und dann ein Erwachsener, der lautstark in großer Runde auf die nasse Hose aufmerksam gemacht hat.
Später dann vielleicht im Beruf, wenn der Vorgesetzte vor versammelter Manschaft den Angestellten für einen Fehler abgekanzelt und vorgeführt hat.


Szenenwechsel ins Alter:
„Sie haben sich schon wieder bekleckert. Eigentlich braucht man Ihnen morgens gar nichts mehr Sauberes anziehen!“ – der verärgerte Ruf einer Mitarbeitern am Frühstückstisch des Altenheims.

Im Supermarkt: „Das kapierst Du doch sowieso nicht mehr. Du hast doch Alzheimer!“ ruft die wütende Tochter, als es ihr nicht gelingt ihrem Vater den Kauf einer Tageszeitung auszureden.

Beschämt wird man. Es ist eine Demütigung durch einen anderen Menschen. Es ist etwas anderes, als Scham zu empfinden. Sich zu schämen, die Scham, kommt von innen – also (auch) ohne aktives Zutun eines Dritten der uns verletzen möchte.

Beschämung hat Folgen

Menschen mit Demenz werden häufig beschämt. Mal, weil es an Wissen fehlt. Mal, weil zwar Kontakt- und Umgangsstrategien theoretisch bekannt sind und sogar einmal beschult wurden – aber nicht so eingeübt und eingeprägt wurden, dass sie auch unter Druck und Stress noch abgerufen werden können. Eine Verschlagwortung via „Wertschätzung“ und Co. hilft da wenig weiter, bleibt häufig im Ungefähren und abstrakt.

Für Beschämte bleibt das Geschehen nicht folgenlos. Es entstehen Konflikte – Betroffene wehren sich gegen die Demütigung. Auch wird Teilhabe gemindert – wer geht schon gerne mit Einkaufen, zum Vereinstreffen, zur Familienfeier oder in die Tagespflege wenn ihn dort Demütigung erwartet? Auch die Selbständigkeit wird beeinträchtigt – kann man es Menschen verdenken, wenn Sie das selbständige Essen und Trinken einstellen, wo doch jedes Mal wenn Sie es tun jemand lautstark verkündet, dass Sie „zum Glück ein Lätzchen“ tragen? Oder einen Kleiderschutz. Wann und wo waren Sie das letzte Mal Essen, und der Mitarbeitende des Service reichte ihnen einen „Kleiderschutz“?

Beschämung vermeiden ist einfach

Richtig, es wird nicht immer gelingen: wir stellen manchmal einen anderen Menschen bloß, obwohl es keinesfalls unsere Absicht war, ihn zu demütigen. Dann können wir um Verzeihung bitten. Und darauf achten, es das nächste Mal besser zu machen. In einem professionellen Berufsverständnigs von Pflege- und Betreuungskräften sollte es allerdings selbstverständlich sein, Menschen mit Pflegebedarf nicht zu beschämen – und sie nötigenfalls auch davor zu schützen, von anderen gedemütigt zu werden. Hier meine 5 Tipps aus dem Youtubekanal Demenz: Aufmerksam gemacht.

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Nur 5 Tipps in unter einer Minute? Ja. Wenn nur diese beherzigt, gelehrt und für Gesundheitsberufler so trainiert würden, dass sie tatsächlich verinnerlicht würden, wäre viel gewonnen. Der erfahrene Leser wird sogleich bemerken: hier wird kein „Sonderspezialverhalten“ präsentiert. Kein bis dato völlig unbekanntes, neues und innovatives „Demenzkonzept“. Im Wesentlichen wird für Dinge geworben, die Menschen für sich selbst als selbstverständlich ansehen. Das Menschen derartige Selbstverständlichkeiten – nicht bloßgestellt zu werden – häufig nicht wirksam einfordern können, ist eine entscheidende, grausame Schwäche die Demenzerkrankungen mit sich bringen. Ihre Art sich gegen Demütigungen zu wehren, ihren Selbstwert zu schützen, darf in der professionellen Versorgung nicht zu Maßnahmen führen die hauptsächlich darauf ausgerichtet sind, den Widerstand Betroffener zu brechen.

Jochen Gust

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