Stationäre Welle? Ambulante Pflege zu Zeiten der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie ist keineswegs die Ursache für die Zustände in der professionellen Pflege. Sie zeigt nun aber auch der Allgemeinbevölkerung was passiert, wenn man einen essentiellen Bereich der Gesundheitsversorgung jahrelang „auf Reserve“ laufen lässt. Die Schilderungen aus den Krankenhäusern in Deutschland machen betroffen. Die Überlastung durch Covid-19 sind medial dauerpräsent. Und das ist gut und richtig so, denn immernoch hat ein Teil der Bevölkerung nicht verstanden, was zu tun bzw. was besser zu lassen ist.

Die Pandemie ist nicht stationär

Betrachtet man die Berichterstattung kann man fast den Eindruck gewinnen, es handle sich vor allem um eine stationäre 4. Welle. Ein Krankenhaus- und Pflegeheimproblem, sozusagen. Die Pandemie spielt sich jedoch in allen Lebensbereichen ab. Und sie trifft auch die ambulante Pflege.

Pflegende führen ihren Beruf seit vielen Jahren unter Druck aus. Die Corona-Pandemie belastet nicht nur die Intensivpflege. Es darf bezweifelt werden, ob es nach all den Monaten überhaupt noch einen Bereich der Pflege gibt, der nicht in Mitleidenschaft gezogen wäre. Zur Situation der ambulanten Versorgung habe ich den Landesverband freie ambulante Krankenpflege NRW e.V. befragt. Christop Treiß ist dort Geschäftsführer – hier sind seine Antworten:

Jochen Gust: Wir befinden uns in der vierten Welle der Corona-Pandemie. Die Berichterstattung ist vielfältig, meist jedoch auf Krankenhäuser bezogen. Wie erlebt die ambulante Pflege die vierte Welle? Welche besonderen Belastungen melden Ihre Mitglieder zurück?

Christoph Treiß: Die ambulante Pflege ist natürlich ebenfalls von der vierten Welle erfasst. Und mit jeder Welle werden die Belastungen für Mitarbeiter und Unternehmen größer. Denn auch aufgrund des allgemeinen Personalmangels gibt es kaum eine Möglichkeit, sich von dem Dauerdruck zu erholen. Dabei sind nicht nur diejenigen betroffen, die als Mitarbeiter in einem ambulanten Pflegedienst diese Menschen versorgen, sondern auch die, die als Pflegebedürftige zu Hause versorgt werden. Und sie alle haben wiederum Kinder oder Angehörige, die ebenfalls erkranken können. Wir sind ein „Frauenberuf“ – sobald ein Kind in Quarantäne muss oder ins Homeschooling, hat das Auswirkungen auf unsere Dienst- und Einsatzpläne. Dadurch entsteht ein noch höherer Organisations- und Planungsaufwand in der ambulanten Pflege. Denn oft bricht frühmorgens vor einer Tour ein Mitarbeiter weg, der kurzfristig ersetzt werden muss. Dafür muss dann ein Kollege aus dem Frei oder dem Urlaub zurückgeholt werden.

Höhere Infektionszahlen bedeuten auch, dass es in der häuslichen Umgebung der Pflegebedürftigen vielleicht zu Impfdurchbrüchen kommt. Das sorgt für ein ständiges Gefühl der Unsicherheit – muss ich noch mehr testen, um sicherzugehen? Doch gerade die Testungen sind in Hoch-Zeiten ein extremer organisatorischer, personeller und finanzieller Aufwand. Hier gibt es gesetzliche Vorgaben, denen die Pflegedienste nachkommen müssen, selbst wenn allein die Beschaffung von Tests kaum möglich ist und die Preise extrem steigen. Die Vorgaben ändern sich zudem häufig, gerade wenn die Politik mit schnellen Maßnahmen versucht, die Lage in den Griff zu bekommen. Alle Regelungen müssen im Pflegedienst stets auf aktuellem Stand sein, die Dokumentation angepasst und die Maßnahmen entsprechend durchgeführt werden. Wenn sich dies jede Woche ändert, bedeutet das natürlich ebenfalls Stress sowie viele Stunden, die statt für die Pflege für Büroarbeit eingesetzt werden müssen.

Dazu kommt natürlich die emotionale Belastung. Denn jeder Erkrankte und Verstorbene steht für ein Schicksal. Das Erfüllende am Pflegeberuf sind ja gerade die menschlichen Beziehungen. Und unsere Pflegekräfte hängen nicht nur körperlich durch, sondern sind durch die hohe emotionale Belastung auch psychisch inzwischen zum Teil völlig ausgelaugt.

Jochen Gust: Möchte man ein Pflegeheim oder ein Krankenhaus betreten, ist ein aktueller Corona-Test notwendig, was eine relative Sicherheit bietet. Anders sieht es selbstverständlich Zuhause aus – dort gibt es keine Testverpflichtung für Besucher, noch haben ambulante Pflegekräfte eine Möglichkeit nachzuvollziehen, wer zuletzt beim Kunden zu besuch war. Wie gehen die ambulant tätigen Kolleginnen und Kollegen mit diesem erhöhten Risiko um? Was bedeutet es für die Leistungsanbieter?

Christoph Treiß: In der Häuslichkeit des Kunden haben die Mitarbeiter von Pflegediensten keinen großen Einfluss auf die Sicherheit – weder ihre eigene noch die des Pflegebedürftigen. Auch ist dieser auf Besucher angewiesen, beispielsweise auf Physiotherapeuten oder Fußpfleger. Aber auch Angehörige sind oft in die Pflege involviert und kommen teils täglich vorbei. Die Pflegekräfte in der ambulanten Pflege können sämtliche Sicherheitsmaßnahmen einhalten und ihre Kunden auch per PoC-Antigen-Test testen, aber sie können keine Gewissheit darüber haben, dass sie sicher vor Infektion geschützt sind.

Momentan erlauben die Vorgaben eine wöchentliche Testung von Pflegebedürftigen in der Häuslichkeit. Eine Verpflichtung dazu besteht jedoch nicht. Und die Regeln ändern sich mit den immer wieder aktualisierten Gesetzen auch ständig. Für Leistungsanbieter, die ihr Personal natürlich bestmöglich schützen wollen, ist es daher schwierig, Schritt zu halten mit den Vorgaben.

Jochen Gust: Welche Lehren können aus dem bisherigen Geschehen für die ambulante pflegerische Versorgung in Deutschland gezogen werden?

Christoph Treiß: Wenn der bisherige Verlauf der Pandemie und vor allem die ersten beiden großen Wellen eines gezeigt haben, dann ist es die Bedeutung der häuslichen Versorgung von Pflegebedürftigen. Wir haben es bei uns in Nordrhein-Westfalen, aber auch deutschlandweit an den Sterbezahlen gesehen: Die ambulante Pflege stellt eine Art Schutzwall dar – mit den getroffenen Maßnahmen konnten wir in der häuslichen Versorgung die Menschen deutlich besser schützen als der stationäre Bereich, wo es in Pflegeheimen viele Ausbrüche und leider auch Todesfälle gab. Die eigene Häuslichkeit bietet alten und pflegebedürftigen Menschen da einen deutlich besseren Schutz, insbesondere wenn darüber hinaus von allen Besuchern entsprechende Hygienemaßnahmen eingehalten werden.

Wir haben aber auch gesehen, dass die Belastung durch die pandemische Lage in der ambulanten Pflege ebenfalls gestiegen ist. Während die Öffentlichkeit ihren Blick hauptsächlich auf Krankenhäuser und stationäre Pflegeeinrichtungen lenkt, muss deutlich festgestellt werden: Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden noch immer zu Hause versorgt. Damit ist die ambulante Pflege DIE große Stütze im System. Und das sollte honoriert werden – nicht nur finanziell, sondern vor allem mit vernünftigen Arbeitsbedingungen. Das bedeutet zunächst einmal mehr Personal. Jedem ist klar, dass Pflegekräfte nicht auf Bäumen wachsen, aber die Anstrengungen, um neue Pflegekräfte zu gewinnen, sollten noch einmal verstärkt werden, auch von politischer Seite. Die Steuerungsinstrumente existieren: eine schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse, eine gleichwertige Entlohnung in ambulanter Langzeitpflege und stationärer Akutpflege, steuerfreie Zuschläge, eine steuerfinanzierte Ausbildung. Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ darf dabei nicht aus den Augen verloren werden.

Ich danke Herrn Treiß für seine Antworten.

Jochen Gust

Foto: Teaser Pexels; Ron Lach; Foto: Christoph Treiß v. Jana Wriedt Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit LfK – Landesverband freie ambulante

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