Musik die uns fehlt

Musik ist ein starker Stimmungsträger. Schon Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) wusste

„Es gibt aber nichts, worin Zorn und Sanftmut, worin Tapferkeit, Mäßigung und alle andere[n] moralische[n] Eigenschaften, nebst ihrem Entgegengesetzten sich so deutlich und ähnlich abbildeten, wenn man von der wirklichen Natur abgeht, als im Gesang und im Rhythmus. Die Erfahrung beweist es. Die ganze Stimmung des Gemüts ändert sich, wenn man verschiedene Arten der Musik hört.“. 

Studien belegen die Wirkung von Musik in der Arbeit mit Menschen mit Demenz. So lassen sich mit Hilfe von Musiktherapie unter anderem Agitiertheit und Ängste bei den Betroffenen mindern, was auch zu einer geringeren Belastung von Pflegefachfrauen und -männern führt. Musiktherapie gehört auch zu den nichtmedikamentösen Therapieformen, die in der S3-Leitlinie „Demenzen“ unter den Psychosozialen Interventionen aufgeführt ist. Dennoch ist sie bis heute trotz anderslautender Empfehlung der WHO nicht verordnungsfähig, anders als beispielsweise Ergotherapie.

Musiktherapie ist mehr als Radiogedudel

Die Musiktherapie wird in Deutschland im Hinblick auf die Arbeit mit Menschen mit Demenz stiefmütterlich behandelt und bleibt so weit unter den Möglichkeiten, die sie bieten könnte. Musiktherapeut*innen sind in einem breiten Feld tätig – sowohl in der Wirtschaft, Forschung, im Bildungs- und Sozialwesen – und auch im Gesundheitswesen. Sie wird als Einzeltherapie oder auch als Gruppentherapie angewandt. Grob eingeteilt wird zwischen rezeptiver Musiktherapie, bei der der Patient im Wesentlichen durch Hören an der Therapie beteiligt ist, und aktiver Musiktherapie bei der der Patient selbst musiziert oder singt.

In manchem Pflegeheim und so mancher Tagespflege steht Musiktherapie im Beschäftigungsplan, auf der Webseite oder in Broschüren. Nur findet sie häufig gar nicht mit Musiktherapeuten statt. Denn weder das Abspielen von Schlager-CDs oder das stundenlange Laufenlassen eines Radios im Aufenthaltsraum oder Zimmer aus dem sich Menschen mit Demenz nicht ohne Hilfe wegbewegen können oder dürfen (Lärmmisshandlung), noch die 30 Minuten Singrunde mittwochs im Speisesaal sind Musiktherapie. Zwar ist es gerade im Bereich der Demenzerkrankungen chic, jede noch so normale Handlungsweise therapeutisch zu verbrämen – wahrer oder wirkungsvoller macht es die Handlung aber nicht. Musik streamen zu können macht noch keinen Musiktherapeuten, ebenso wenig wie es jemandem zum KFZ-Mechatroniker erhebt, weil er selbst in der Lage ist Winterreifen aufzuziehen. Im Gesundheitswesen gibt es leider eine Tendenz zur Kompetenzbehauptung durch Tun bzw. durch Anbieten oder mittels Behauptungen – Geschäfte mit der Not der Betroffenen und ihrer Angehörigen sind das. Die Politik ist gefordert, ein entsprechendes Gesetz zur Ausübung von Musiktherapie zu schaffen mit welchem auch Mindestausbildungs- und qualifikationsstandards festzulegen wären. Auch ist sicher weitere Forschung, qualitativ hochwertige Studien, notwendig. Diese ist jedoch teuer und aufwändig – es fehlt an den entsprechenden Mittel und der entsprechenden Förderung.

Musiktherapie im Krankenhaus für Patienten mit Demenz

Demenzbeauftragte im Krankenhaus haben es nicht leicht Musiktherapie in die Behandlung zu integrieren. Zunächst, und das ist sicherlich eines der Haupthindernisse, ist da die Falle der Fallpauschale. Wenn für einen Fall die Summe X bezahlt wird, weshalb sollte ein Krankenhausträger Musiktherapie integrieren, die am Ende seinen Erlös schmälert? Allgemein lässt sich sagen, dass Musiktherapie durchaus in Behandlungsprozeduren (z.B. 8-974 Multimodale Komplexbehandlung bei sonstiger chronischer Erkrankung) integriert ist. Dies ist aber eben u.a. sehr davon abhängig, ob im entsprechenden OPS diese Therapieform auch gelistet ist – oder nicht. Im 8550 (Geriatr. frührehabilitative Komplexbehandlung) wäre sie z.B. gut aufgehoben, fehlt aber völlig. In der Arbeit mit Menschen mit Demenz im Krankenhaus dürfte es sich um absolute Ausnahmen handeln – genaue Zahlen waren dazu leider nicht zu ermitteln. Für Demenzbeauftragte in Allgemeinkrankenhäusern oder in Geriatrien bedeutet dies, im Schwerpunkt die fachliche Argumentation befördern und ausbauen zu müssen, die für den Einsatz von Musiktherapie spricht. Auf Erlösrelevanz kann nicht direkt gesetzt werden.

Es wird also im Vordergrund stehen, die Sinnhaftigkeit der Therapieform herauszuheben und darüber zu argumentieren. Da die therapeutischen Teams in Kliniken regelhaft unter (fach-)ärztlicher Leitung stehen, muss ergo der leitende Arzt überzeugt werden. Das Thema Demenz im Krankenhaus ist ein Zukunftsthema – auch die Aussicht auf die positive Aussenwirkung bei Anwendung von Musiktherapie für Patienten mit Demenz sollte von Ihnen als Demenzbeauftragter Ihres Hauses argumentativ genutzt werden: Musiktherapie als ein weiterer Baustein überragender Behandlungsqualität der Klinik in der Behandlung von Menschen mit Demenz. Oder wie viele Stationen für Menschen mit Demenz im Krankenhaus kennen Sie, die eine/n Musiktherapeut*in im Team haben bzw. dies regelmäßig durch eine Fachperson anbieten? Eben. Nutzen Sie den Wunsch und die Notwendigkeit der Klinik nach Vorreiterfunktion und Alleinstellungsmerkmalen für das eigene Haus, um einen weiteren Argumentationsstrang zum Einsatz von Musiktherapie zu schaffen.

Da müsste Musik sein: Therapeutensuche

Menschen mit Demenz erhalten in Deutschland mitunter auch deshalb Psychopharmaka, weil angepasste und angemessene Strukturen für sie (nicht nur) in Gesundheitsinstitutionen fehlen. Der Mangel an (qualifizierten) Mitarbeitenden, die Arbeitsverdichtung und ein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes Krankenhauswesen tun ihr Übriges dazu. In diesem Sinne sollten Demenzbeauftragte und Interessierte zumindest den Versuch wagen, (weitere) anerkannte nichtmedikamentöse Behandlungsbestandteile in die Regelversorgung zu integrieren. Vielleicht lohnt in diesem Sinne auch die Kontaktaufnahme zum Verein Singende Krankenhäuser e.V.?

Aber wie findet man nun einen qualifizierte/n Musiktherapeut*in, die auch ist und kann was sie / er behauptet? Eine Möglichkeit ist über die Webseite der Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG) die Suchfunktion zu nutzen. Das Netzwerk Musiktherapie mit alten Menschen bietet ebenfalls ein (ausbaufähiges) Adressverzeichnis.

Besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle Frau Prof. Dr. Dorothea Muthesius vom Berlin Career College / Zentralinstitut für Weiterbildung. Sie hat sich nicht nur viel Zeit genommen mir geduldig die Thematik aus Sicht der Musiktherapie näher zu bringen, sondern mich auch darüber hinausgehend mit wertvollen Informationen zum Thema versorgt. Herzlichen Dank dafür.

Jochen Gust

I. Photo by Daniel Schludi on Unsplash
II. Photo by elCarito on Unsplash

3 Kommentare

  1. Herzlichen Dank für diesen positiven Beitrag. Ich arbeite seit 28 Jahren als angestellte MT-Therapeutin in einem Pflegeheim für psychisch kranke Menschen. Inzwischen ist die MT-Therapie dort für viele unserer 171 Bewohner wichtig. Ich wünsche mir dringend jemanden, der meine Nachfolge nächstes Jahr antritt. Meine Kollegin schafft das nicht allein.
    Ich arbeite daran. Bis heute ist die MT mein Lieblingsberuf.
    G.Reiber, Berlin

  2. Ich war in einer psychosomatischen Reha Klinik im Schwarzwald.
    Da gab es auch Musiktherapie und ich hatte am Anfang direkt mir ein Instrument rausgesucht was mir gefiel. Aber als das Thema der Stunde durch z.B.Bilder genannt wurde passte das nicht. Es war sehr schön zu sehen und zu spüren was die Musik mit mir gemacht hat.
    Wir hatten einen dabei der nicht an allen Therapien teilgenommen hat mit der Begründung das bringt ihm nichts, aber die Musiktherapie war für ihn das ehrlichste und etwas was ihm wirklich etwas gebracht hat.
    Ich kann es nur sehr empfehlen. Würde es auch gerne machen aber die vielen Instrumente kauft leider kein Arbeitgeber.
    Hatte schon Mal überlegt mir eine Zauberharfe zu bauen und damit bei meinen Senioren teilweise auch demente Menschen zu musizieren.

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