Biographie ohne Wirkung

Dieser Blog richtet sich an Menschen, die etwas an der Krankenhausversorgung von Menschen mit Demenz verbessern wollen. Das schicke ich nochmal als kleine Gedächtnisstütze vorweg, da ich weiß, dass der eine oder die andere „Puls“ bekommen wird.

Biographiearbeit mit Menschen mit Demenz macht viel Sinn. Biographiearbeit macht nicht nur für Menschen mit Demenz Sinn, sondern vor allem auch für die sorgende Umgebung. Mit sorgender Umgebung meine ich stets alle Personen, die in irgendeiner Weise um die Betroffenen bemüht sind. Ob als Zu- und Angehöriger, Pflegefachfrau/-mann, Betreuungskraft, Therapeut oder Mediziner. In welcher Rolle auch immer. Übrigens, wer davon spricht ernsthafte Biographiearbeit mit Menschen mit Demenz zu betreiben, sollte damit aufhören davon zu reden, dass die Erkrankten in ihrer „eigenen Welt“ leben würden. Menschen mit Demenz sind keine Aliens vom Planeten Sonstwo, sondern Persönlichkeiten mit einer subjektiven „Weltsicht“, die auch – aber eben lange nicht nur (im Sinne von ausschließlich) – durch ihre Erkrankung bedingt ist.

Die Biographie von Menschen mit Demenz zu kennen nützt bei z.B. bei Aktivierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen. Sie bietet hierfür Anknüpfungspunkte. Die Wirkung auf die Betroffenen kann vielfältig und sehr positiv sein. Für die sorgende Umgebung macht sie häufig Verhaltensweisen erklärbar. Diese gewinnen an Bedeutung und Sinn, da Kenntnisse aus der Biographie uns darin unterstützen, die Sichtweise und mögliche Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu erkennen. Ich gehe davon aus, dass wohl auch Sie damit konform gehen – und viele, viele weitere Situationen, Bedingungen und Wirkungen benennen könnten.

Biographiearbeit mit Menschen mit Demenz macht Sinn, gibt Sinn, unterstützt, gibt Handlungsspielräume.

Und funktioniert im Krankenhaus nicht.

Biographiearbeit nutzt nur, wenn sie ankommt.

Es ist einige Jahre her, als ich einen Anruf aus einer Klinik in Niedersachsen erhielt. Mir wurde geschildert, dass der Versuch die Biographien zu erheben gescheitert sei und bat um ein gemeinsames „Brainstorming“, woran das gelegen haben könnte und mit welchen Mitteln man den konsequenten Einsatz bei vorliegender Demenzdiagnose vielleicht doch noch etablieren könnte. Nach dem Telefonat erhielt ich den klinikeigenen Biographiebogen. Er war sicher handwerklich gut gemacht. Vielerlei Daten wurden abgefragt. Kindheit, Schule, Arbeitsleben. Außerdem sah er toll aus.
Und er hatte elf Seiten.

Ich kann nun nicht aus dem Ärmel heraus einfach sagen, in wie vielen Krankenhäusern ich schon zu Gast sein durfte um über das Thema Demenz zu sprechen. Ich kann aber ziemlich sicher sagen, was in den allermeisten Kliniken einer Biographiearbeit wie wir sie aus der ambulanten Pflege oder aus Pflegeheim kennen, entgegensteht:

  1. Die Arbeitsverdichtung. Es ist zumeist niemand da, der sich im Alltag darum kümmern könnte oder würde, einen umfangreichen Biographiebogen mit dem Patienten mit Demenz oder einem nahen Angehörigen durchzugehen oder ihn alternativ den Angehörigen (sofern sie überhaupt Angaben machen können oder wollen) auszuhändigen. Und auf die Rückgabe zu achten, ggfs. hinterherzutelefonieren etc. .
  2. Der Patient ist regelhaft entlassen / weiterverlegt, bevor der Biographiebogen zurück ist. Biographie da, Patient weg. 
  3. Kommt der Biographiebogen doch, ist meist niemand dafür da oder zuständig ihn auch zu lesen und daraus Erkenntnisse für die Krankenhausversorgung abzuleiten. Das müsste neben der Erfassung nämlich auch noch geleistet werden. Wer soll das im Rahmen der derzeitigen (Unter-)Besetzungen tun? Und diese Erkenntnisse müssten dann auch noch ins Team getragen, multipliziert, ggfs. Maßnahmen diskutiert werden, die sich daraus neu ergeben.

Selbst wenn ein Biographiebogen mit ins Krankenhaus kommt, wird er also in der Regel „zur Akte“ genommen. Und da liegt er dann.

Das mag den ein oder anderen Leser vielleicht verärgern – aber es entspricht meiner Erfahrung.

Ich halte Biographiearbeit häufig für unterschätzt. Zumindest den Teil, der „Arbeit“ beinhaltet.  Es ist unter Umständen durchaus nicht ganz einfach, aus einer Biographie die richtigen Schlüsse zu ziehen und wirksam werden zu lassen, wenn etwas mehr als Spekulationen dabei herauskommen sollen. Dabei sei bemerkt: die Biographiearbeit im beruflichen Zusammenhang ist kein Weg zu ergründen, wer unser Gegenüber wirklich ist – oder früher einmal war. Kein Mittel, die „wahre Persönlichkeit“ zu „wecken“, wie mir auch schon erläutert wurde von einer Expertin. Ich halte das für einen Irrtum, die Annahme sogar für übergriffig. Die Biographiearbeit erlaubt uns Brücken zu bauen, Schranken zu überwinden, uns zu nähern – ohne Eindringlinge zu sein.  Und manchmal bietet sie uns im Pflege- und Betreuungsalltag Krücken die wir brauchen, um ihn mit Menschen mit Demenz zu meistern.

Vorlieben, Abneigungen und Gewohnheiten kennen!

Und nun? Gar nicht so einfach, eine gute Lösung hierfür zu finden für die Arbeit im Krankenhaus. Eine gute Lösung ist eine, die hilfreich für die Patienten UND die sorgende Umgebung ist. Und sie muss praktikabel, d.h. durchführbar sein – nicht nur theoretisch „schöner“. Denn mit „Es wäre schön wenn….“ schafft niemand mehr im Krankenhaus seinen Dienst. Der „Es wäre schön wenn“-Personalpool ist leider leer und das Budget dafür aufgebraucht. Was können wir alternativ tun?

Gewohnheiten und Vorlieben im Krankenhaus erfassen.

Etwas, was schnell geht, kaum Zeit kostet und dennoch wertvolle und häufig sonst fehlende Informationen liefert. Die beiden Bilder zeigen Vorder- und Rückseite eines Flyerinlays (Format). Es auszufüllen geht schnell, und es kann obenauf der Handakte liegen (sofern Sie noch mit Papier arbeiten). Dabei werden wichtige Informationen abgefragt, welche die Versorgung in der Klinik sehr erleichtern können und Risiken minimieren. Sie ersetzt nicht die Biographiearbeit mit und für einen Betroffenen. Aber im Krankenhaus können damit schnell wichtige Aspekte zur Kenntnis genommen und berücksichtigt werden. Der Druck einer solchen Infokarte / Flyerinlay kostet praktisch nichts – kann aber den Mitarbeitern der Klinik viel Zeit und Nerven sparen ebenso wie den Angehörigen – und Menschen mit Demenz unangemessene Maßnahmen im Krankenhaus aus Unkenntnis.

Wann dürfen wir Sie erreichen?

Angehörige leisten häufig Pflege und Betreuung über einen langen Zeitraum, nicht selten über die Grenzen der eigenen Kräfte hinaus. Es ist daher wichtig, Angaben darüber abzufragen wann diese telefonisch erreicht werden dürfen um etwas Zeit für sich zu gewinnen und für alle Aufgaben die in der Zwischenzeit erledigt werden müssen. Andererseits nützt die Angabe der Uhrzeit insbesondere auch dem Nachtdienst. Viele Kolleginnen und Kollegen scheuen sich, nach 20:00 Uhr noch Angehörige um Unterstützung zu bitten – während diese wiederum möglicherweise verärgert werden, wenn auf Station „eigenmächtig“ Maßnahmen ergriffen werden, statt sie miteinzubeziehen.

Als Angehörige können Sie im Vorfeld eine solche Information ausfüllen und zur Notfalltasche packen. Die haben Sie ja ohnehin längst bereitgestellt, falls es mal schnell ins Krankenhaus gehen muss, nicht wahr? Eine weitere Möglichkeit bietet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. mit ihrem Informationsbogen für den Klinikaufenthalt.

Kolleginnen und Kollegen aus den Kliniken können die Grafiken (Vorder- und Rückseite) als pdf-Datei hier herunterladen um eine Vorlage für die eigene Arbeit zu haben.

Ihr

Jochen Gust

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