Relevant sprechen statt diskutieren: situative Kommunikation mit Menschen mit Demenz

Der Herr, 84 Jahre alt, hat soeben mit Genuss sein Frühstücksbrötchen verspeist und seinen Morgenkaffee gehabt. Er steht vom Tisch auf, macht ein paar Schritte in den Speisesaal des Pflegeheims und baut sich vor der Mitarbeitern der Station auf: „Ich habe noch nichts zu Essen bekommen!“, protestiert er. Die Kollegin, heute für den Speisesaal eingeteilt stutzt. „Aber Herr F., natürlich, schauen Sie mal.“. Sie deutet in Richtung des leeren Stuhls, auf dem Herr F. eben noch saß. „Da saßen Sie eben und haben gefrühstückt.“. Herr F. schaut, schüttelt den Kopf. Kollegin: „Doch.“. Jetzt hört man Herrn F. die Verärgerung deutlich an. „Nein! Da muss jemand anders gesessen haben.“.

Die Kollegin verdreht die Augen und seufzt, macht einen Schritt auf Herrn F. zu und hakt sich bei ihm unter. „Schauen Sie mal, die Krümel auf dem Teller sind von ihrem Brötchen und den Kaffee hatten sie auch.“. „Nein!“ ruft Herr F., „das muss jemand anders gewesen sein!“. Jetzt ist Herr F. laut geworden, die Atmosphäre merklich aufgeladen.

Frustrationsspiralen vermeiden

Kennen Sie solche Szenen? Häufig geht es in unterschiedlichen Varianten weiter: aus der Diskussion kann ein scharfer Konflikt werden, die Kollegin die sich noch um weitere Menschen mit Demenz kümmern muss, bleibt zeitlich gebunden und Herr F. wird immer aufgeregter. Oder er gibt frustriert auf, weil er nicht verstanden wird, zieht sich zurück.

Eine Grundregel mit Menschen mit fortgeschrittener Demenz lautet: diskutieren Sie nicht. Einfach, weil es normalerweise nirgendwohin führt. Oder zumindest zu nichts Gutem. Betroffene ziehen sich möglicherweise zurück, wenn sie erleben, dass Diskussionen nichts bringen oder sie am Ende stets die Verlierer sind. Andererseits können sich Diskussionen um die Wirklichkeit, um Fakten, mit Menschen mit Demenz schnell zu größeren Konflikten ausweiten.

Relevantes Handeln im Umgang mit Demenz

Do

  • Kurz, freundlich, konkret sprechen.
  • Handlungsangebote.
  • Kleine Erfolge markieren („Das hat geholfen.“).

Don’t

  • Nicht über „wer Recht hat“ diskutieren.
  • Ironie, Korrekturen, Belehrungen.
  • Leise Signale nicht überhören – sie kippen sonst später in Lautstärke.

Tipp: Eine Sache sofort umsetzen und kurz ankündigen, was als Nächstes folgt.

Üben Sie sich in relevantem Sprechen

Relevant sprechen meint in diesem Zusammenhang schlicht: drehen Sie sich nicht um eine Aussage, die faktisch falsch ist bzw. steigern Sie sich nicht hinein. Niemand hat Ihnen den Auftrag erteilt, den Menschen mit Demenz zurück in „unsere Realität“ zu transportieren, richtig? Stattdessen sprechen Sie über das, was der Person in diesem Moment wichtig ist. Nutzen Sie Ihre empathischen Fähigkeiten und vertrauen Sie durchaus auch einmal auf Ihr Bauchgefühl: worum geht`s ihm/ihr?

Zwei Beispiele:

1. Person mit Demenz: „Ich habe noch nichts zu essen bekommen.“. Eine relevante Rückfrage wäre: „Haben Sie Hunger?“. Statt über das eben vertilgte Frühstück zu diskutieren, kümmern Sie sich um das Bedürfnis. Hat der Mensch Hunger, soll er zu essen bekommen – oder? Schließlich ist es in der Versorgung von Menschen mit Demenz oft genug schwer, für eine ausreichende Kalorienzufuhr zu sorgen.

2. Person mit Demenz: „ICH habe noch nichts zu essen bekomme.“. Achten Sie auf Tonlage, Körperhaltung – und ganz allgemein auf den Typ der Äußerung und des Auftretens. Die Betonung liegt in diesem Fall auf „ICH“. Hier muss die Person „gesehen“ werden. Es geht möglicherweise nicht um das gegessene Brötchen, es geht um das Gesehensein, wahrgenommen werden. In solchen Fällen schimpfe ich gerne auf die Einrichtung, die ausgerechnet den Betroffenen vergessen hat und entschuldige mich förmlich – anschließend kann wieder gegessen werden oder auch nicht: in jedem Fall eskaliert die Situation nicht.

In unserem Frühstücks-Beispiel gibt es auch die dritte Variante: eine Person mit Demenz sitzt vor ihrem Teller und sagt vergleichsweise leise, unglücklich wirkend: „Ich habe nichts zu Essen bekommen.“. Dies wird von der sorgenden Umgebung meist besser aufgelöst, da die Person mit ihrer Haltung und dem was sie ausstrahlt häufig einen „Kümmerreflex“ auslöst. Aber auch da ist wichtig: wenn es der Person tatsächlich nicht um Hunger geht – worum dann? Dies wahrzunehmen und (kurz) darauf einzugehen ist wichtig. Es ist leicht, bei der letzten Variante die Person aktiv zu überhören, da sie nicht laut wird, keinen „Auftritt“ hinlegt. Noch nicht, jedenfalls.

Fazit

Nicht die „objektive Wahrheit“ entscheidet, sondern das erlebte Jetzt der betroffenen Person. Diskussionen über Fakten eskalieren – relevantes Sprechen öffnet Wege: Wir reagieren auf das Bedürfnis hinter den Worten (Hunger, Gesehenwerden, Sicherheit), nicht auf die wörtliche Behauptung. So bleiben Beziehung und Alltagsfluss erhalten. Wer Bedürfnisse ernst nimmt statt zu diskutieren, deeskaliert, stärkt Würde – und gewinnt im Alltag schnell wertvolle Zeit für gute Pflege.

Jochen Gust

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent

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