Offensives Unterlassen – selbstverursachten Demenzstress reduzieren

Die Versorgung von Menschen mit Demenz ist aufwendig. Der Mangel an Pflegefachleuten und Betreuungskräften verschärft die Versorgungssituation. In diesem Bereich gibt es viel aufzuarbeiten und Nachholbedarf.

Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen oder Angehörigen arbeite liegt eine der Aufgaben gelegentlich aber auch darin gemeinsam den Blick zu schärfen. Ob das was abläuft auch angemessen und hilfreich ist. Oder lediglich für noch mehr Stress sorgt.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es sowas wie einen „Demenzpaternalismus“ gibt. Damit meine ich die Neigung von Versorgenden zu glauben, ständig korrigierend eingreifen zu müssen, wenn Menschen mit Demenz etwas tun oder lassen. Auf der einen Seite die hilfreichen Gesunden, auf der anderen Seite die verwirrten Kranken die unter das Dauerfeuer der Kümmerer geraten können. Pflegefachleute geraten dabei auch deshalb unter Druck, weil ihre Vorgesetzten oder auch sie selbst nicht immer ideal mit Betreuern und Angehörigen über das was sie tun oder lassen, sprechen. Dadurch entsteht für beide Seiten Stress. Einerseits fehlt es hier manchmal an klarer Haltung und Struktur, hin und wieder auch an Absprachen oder Handlungssicherheit.

Leitfragen können helfen

Ein Beispiel aus meiner Arbeit mit einer Pflegeeinrichtung:

Pflegefachfrau Anne betritt das Zimmer von Frau Müller. Frau Müller ist 87, die Diagnose Alzheimer wurde vor drei Jahren gestellt. Frau Müller steht vor ihrem Kleiderschrank. Diesen hat sie völlig zerwühlt, umgeräumt. Ihre Röcke sind im Fach wo normalerweise die Unterwäsche liegt, die Schuhe stehen im Sockenfach, die Blusen wiederum dort wo die schicken Jogginghosen sonst einsortiert sind. Anne seufzt: „Ach Frau Müller, wie sieht es hier denn aus?!“. Sie führt Frau Müller zu ihrem Sessel und bringt danach den Schranken Ordnung. Dann: „So Frau Müller, ich hole jetzt mal alles zum Zucker messen. Ich bin gleich wieder da, bleiben Sie sitzen.“. Als Anne zurückkommt steht Frau Müller wieder im Schrank. Erneut hat sie alles durchwühlt und die Wäsche in die falschen Fächer gestopft. „Frau Müller! Ich habe doch gerade alles in Ordnung gebracht! Ich habe noch mehr zu tun als ihren Schrank aufzuräumen!“. Abermals führt sie Frau Müller zu ihrem Sessel, bringt den Schranken Ordnung, misst danach den BZ. Bevor sie den Raum verlässt bitte sie Frau Müller erneut sitzen zu bleiben. „Ich hole sie gleich zum Mittagessen ab.“.

Etwa 10 Minuten später kehrt Anne zurück zum Zimmer von Frau Müller. Und wo steht Frau Müller? Richtig….

Anne ist jetzt sehr gestresst, reagiert unwirsch und würde Frau Müller am liebsten wegen Unruhe „Bedarfsmedikation“ verabreichen. Sie bringt den Schrank noch 2 weitere Male an diesem Vormittag in Ordnung.

Lektion 1: Menschen mit Demenz halten sowas länger durch.

Wer hat das Problem?

Das ist meine Beispielszene und ich könnte viele weitere benennen und tue das gern in Seminaren. Kolleginnen und Kollegen, egal ob aus Krankenhäusern, Pflegeheimen oder ambulanten Diensten die mir ein Verhalten von Menschen mit Demenz beschreiben, rate ich meist zu bestimmten Filterfragen. Die erste lautet:

Wer hat das Problem?

Ich glaube das Beispiel macht deutlich, dass die Betroffene mit Demenz mit dem Zustand ihres Kleiderschrankes offenbar kein Problem hat. Sie schafft ihre eigene Ordnung, beschäftigt sich, gefährdet niemanden. Vielmehr ist es der Ordnungssinn von Pflegefachfrau Anne, der hier das Problem ist. Könnte man meinen. Häufig steckt aber noch mehr dahinter. Diese Kolleginnen und Kollegen in der Pflege die alles in Ordnung halten, alles im Blick haben, sind extrem wichtig. Es sind jene Kolleginnen und Kollegen, bei denen man sich drauf verlassen kann, dass für die nächste Schicht immer alles optimal vorbereitet ist: der Wäschewagen aufgefüllt, die Medilieferung sortiert, die Doku vollständig etc. . Allgemein verbringen sie viel Zeit damit, ihren Kollegen hinterher zu räumen (und sich darüber zu ärgern). Kommen Menschen mit Demenz ins Spiel, kann das diese Kolleginnen und Kollegen zur Verzweiflung treiben. Es ist daher wichtig, mit Ihnen klare Abmachungen zu treffen. Wir pflegende sind für Menschen da, ihre Sachen, ihre Schränke, ihre Betten sind sekundär. Den Alltag kann man für ordnungsliebende Kolleginnen und Kollegen sehr entstressen, indem man Aufräumzeiten mit ihnen vereinbart. D. h. im konkreten Beispiel, dass der Schrank von Frau Müller nicht 3, 5 oder acht Mal am Tag in Ordnung gebracht wird. Sondern einmal am Tag, zum Beispiel zum Schichtende oder vor dem zu Bett bringen von Frau Müller. Beide gewinnen durch diese Lösung.

Aber die Angehörigen!

„Aber wenn die Tochter kommt und der Schrank ist nicht in Ordnung, beschwert sie sich sofort bei der Stationsleitung.“ Solche o. ä. Sätze höre ich dann häufig als Argument, warum das so nicht geht. Aber auch hier hilft Filterfrage 1 weiter: wer hat hier nochmal das Problem?

Der Schrank bzw. die Unordnung ist doch eigentlich meistens gar nicht das Thema von Angehörigen. Der unordentliche Schrank ist vielmehr zum Indikator dafür geworden, ob sich viel und „gut“ um die Mutter gekümmert wird. Die Tochter treibt die Sorge um, dass ihre Mutter nicht genug gesehen wird. Hier hilft ein deutliches und offensives Gespräch mit der Mutter. Darüber, dass ihre Mutter bestmöglich versorgt wird, es gut ist, dass diese sich selbst beschäftigt, mit ihren Sachen tun kann was sie möchte und diese Art der Beschäftigung niemanden schadet. Für die Tochter muss deutlich werden, dass die Pflegeprofis sehr wohl sehen und wahrnehmen was Frau Müller macht. Und, dass es eine bewusste und gezielte Entscheidung der Pflegenden ist, Frau Müller nicht an ihrem Tun zu hindern. Weder bleibt die Unordnung unbemerkt noch wird Frau Müller nicht gesehen. Ist das geklärt, kann Vertrauen wachsen und die Tochter sich entspannen. Hilfreich sind oft auch Angehörigenabende in denen solche Themen aufgegriffen werden und ganz allgemein erklärt, ohne einen Einzelfall anzusprechen.

Diese Gespräche zu führen ist auch Führungsaufgabe von Stationsleitungen und Pflegedirektoren, um Druck von den Kolleginnen und Kollegen in der Pflege zu nehmen. Im Idealfall wartet man nicht bis zur ersten Beschwerde von Betreuern und Angehörigen, sondern wird frühzeitig für das Vertrauen in die Expertise von Pflegefachleuten. Das, in dem man erklärt, wie sinnvoll und wirksam die Dinge sind die Pflege leistet – oder eben manchmal unterlässt.

Davon profitieren letztlich alle.

Mein Ihr

Jochen Gust

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