Zeit der Selbstreinigung

Die aktuelle Infektionswelle mit Sars-CoV2 bringt die vielen Probleme des deutschen Gesundheitswesens brutal ans Tageslicht.

Vor allem beruflich Pflegende empfinden meist den Applaus der Politik oder der Bürger die ansonsten sofort Aufschreien wenn Pflege (mehr) Geld kostet, ebenso als Hohn wie die netten Bildchen und Satzfetzen aus Führungsetagen von Gesundheitskonzernen oder Krankenkassen zynisch sind. Sie alle, wir alle, haben schon vor Corona von den Zuständen gewusst.
Wenn es das nächste Mal um Gehälter und Arbeitsbedingungen in Kliniken und Pflegeheimen und ambulanten Diensten geht, erinnern Sie sich besser: der Mangel an Pflegefachkräften ist für die Pflegefachkraft an sich keine Bedrohung.  

Aber nicht nur für Pflegekräfte, auch für all jene die nun plötzlich als „systemrelevant“ gelten, reißen die Lobpreisungen nicht ab. Heldinnen und Helden werden ausgerufen von Politikern und Unternehmen. Die Einzelhandelskauffrau beim Discounter, der Müllwerker, die Polizistin und der Feuerwehrmann. Der Rettungsdienstler und die Hausärztin, die Altenpflegefachfrau und die Betreuungskraft. Helde sich wer kann!

Heldinnen und Helden werden im Zweifel übrigens für die gute Sache geopfert. Ist ja nicht die Schuld der Applaudeure, Danksager und Heldinnenausrufer, dass Ruhm und Ehre von Vermietern weder als Zahlungsmittel akzeptiert wird, noch vor einer Virusinfektion bewahrt bei mangelnder Schutzausrüstung.

Grüßen Sie noch, oder übersehen Sie schon?

Eine Anregung für diese Zeilen erfuhr ich auf Twitter. @PhillipTessin mahnte völlig zurecht, die Reinigungskräfte nicht zu vergessen und hob deren Wichtigkeit hervor. Das überstrapazierte Geplapper von „Wertschätzung“ gegen alles und für jeden im Gesundheitswesen geht allzu häufig auch an dieser Berufsgruppe vorbei. Wobei es nicht schlimm ist, von Phrasendrescherei ausgenommen zu werden. Schlimm ist jedoch, die Wirkung mangelnder Wertschätzung zu erfahren. Die Reinigungskräfte an vielen Orten – nicht nur im Gesundheitswesen, haben so oft zu spüren bekommen wie wenig sie wert sind, dass sie manchmal regelrecht versuchen unsichtbar zu werden. Sie „huschen“ aus dem Weg, läuft man einen Flur entlang. Nicht auffallen, nicht stören. Ich putz´ hier nur. Haben Sie als Gast, Besucher, Kunde schon mal eine Reinigungskraft gegrüßt und erlebt wie überrascht oder sogar verlegen sie wurde?  

Saubere Wirklichkeit

Dieses Übersehen dieser Berufsgruppe hängt vermutlich einerseits damit zusammen, dass dies gefühlt jede/r kann, also keine Qualifizierung damit verbunden wird. Man putzt ja auch Zuhause. Diese Geringschätzung trifft nicht so selten ganz ähnlich auch Pflegefachkräfte. Wer seine eigenen Eltern gepflegt hat glaubt gar nicht mal so selten, mindestens so viel zu wissen und zu können wie eine Pflegefachfrau. Die dazu vertretenen Ansichten sind häufig mit „erstaunlich“ treffend beschrieben. Anderen Branchen gegenüber ist man nicht derart herablassend – oder kennen Sie jemand, der sich für einen Maler hält, weil er seine eigene Wohnung gestrichen hat? Jemanden, der in den kommenden Tagen am eigenen Auto die Sommerreifen selbst aufzieht – und anschließend deshalb behauptet, er sei Automechaniker?

Andererseits hängt die Geringschätzung von Reinigungskräften sicherlich auch damit zusammen, dass diese Tätigkeit im Gesundheitswesen als eher unwesentliche Hilfsdienstleistung betrachtet wird. Gesundheit macht in Deutschland für die meisten Leute nunmal immernoch allein der Doktor und wird keineswegs als Zusammenspiel vieler Beteiligter verstanden.

Wischende Wirklichkeit

Die häufige Ausgliederung der Reinigungsdienstleistung – die überwiegend von Frauen erbracht wird – hat zuvorderst handfeste wirtschaftliche Gründe. Träger im Gesundheitswesen gründen gerne selbst Tochtergesellschaften oder vergeben die Reinigung an Fremdfirmen um Kosten, genauer gesagt, Gehälter einzusparen.

Auch das führt dazu, dass diese Mitarbeiter nicht als Teil des Gesamtteams gesehen werden. Weiter ist die Sichtweise wohl auch dadurch bedingt, dass allerorten Reinigungsdienstleistungen häufig in Zeiten verlegt werden, in denen sich der „richtige“ Mitarbeiter, vor allem aber auch der „Kunde“, nicht gestört fühlen muss. Also etwa nachts, die sehr frühen Morgenstunden oder abends. Wer will schon schlechtbezahlten Frauen bei ihrer niederen Tätigkeit zusehen?  

Einen lesenswerten Beitrag dazu hat der (Achtung böse GEZ-finanzierte!) Deutschlandfunk hier in petto.

Umfangreich und lesenswert auch die Veröffentlichung von Lena Schürmann: „Schmutz als Beruf“.

Dr. Astrid Sauermann von Verdi wies mich dankenswerter Weise auch auf die Pressemitteilung von Verdi vom 18.03.2020 hin.

Hoffen wir, nein, streiten wir dafür, dass mit dem Wort „Leistungsträger“ künftig andere Berufe, Gesichter und Personen verbunden werden als zuletzt.

Verändert Corona alles?

Ich weiß es nicht. Ich hoffe und wünsche, dass sich das ganze Land verändert in seiner Sichtweise auf die Daseinsfürsorge und die damit zusammenhängenden Berufe. Jene, die gerne wieder in den Vorcoronastatus zurück wollen im Gesundheitswesen, wollen auch dessen Schwächen und Zustände wieder. Allerdings sollten sich all jene auch Sorgen machen.

Vor allem darüber, ob sich auch in Zukunft noch genügend „Heldinnen“ und „Helden“ finden lassen werden, die dieses „Land am Laufen“ halten.

Meint, ganz abseits vom Thema Demenz diesmal,

Ihr

Jochen Gust

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.