Demenz in der Isolation

Krankenhäuser sind in der Regel auf Patienten ausgerichtet, die an ihrer Genesung mitarbeiten möchten und weder Mitarbeitende noch Mitpatienten vermeidbaren Risiken aussetzen.  Dies stellt schon im normalen Klinikalltag Patienten mit Demenz wie Mitarbeiter der Kliniken vor enorme Herausforderungen.

Regeln können nicht eingehalten werden

Menschen mit Demenz dürften in der Regel zum Kreis der besonders gefährdeten Personen durch das neue Coronavirus SARS CoV 2 gehören. Einerseits weil Demenzerkrankungen vor allem ältere, häufig multimorbide Menschen betreffen und die Viruserkrankung bei Älteren schwerere Verläufe zu zeigen scheint. Andererseits ist ein besonderes Problem in diesem Zusammenhang dadurch gegeben, dass sich Menschen mit Demenz ohne Hilfe nicht an (verschärfte) Hygieneregeln halten noch Weisungen unter Isolationsbedingungen in Kliniken folgen können. Wie verhindert man eine Ausbreitung, wenn der Betroffene ständig aus seinem Isolierzimmer läuft….?

Um das hervorzuheben: weder werden Hygieneregeln aus Desinteresse oder Ignoranz nicht eingehalten, noch stellt das Verhalten von Patienten mit Demenz eine Art Provokation dar. Vorwürfe sind seitens Krankenhausmitarbeitern daher unprofessionell. Unangebracht ohnehin.  

Das Erinnern, Anleiten oder die Übernahme des Händewaschens oder der Händedesinfektion müssen durch Dritte bei den Patienten erfolgen. Nur müssen diese Personen eben auch da sein und die Zeit hierfür haben.

Elektivaufnahmen verschieben, Begleitpersonen aufnehmen

Sollten Menschen mit Demenz ins Krankenhaus müssen, ist eine Mitaufnahme des pflegenden Angehörigen immer als Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre eine Regelung sinnvoll die für Angehörige sicherstellt, dass Ihnen keine Kosten durch die Mitaufnahme in Kliniken entstehen. Darüberhinausgehend muss ein möglicher Verdienstausfall kompensiert werden.  

Solange eine kontinuierliche Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz auch unter Isolationsbedingungen nicht geleistet werden kann, sind die Risiken einer Infektion bzw. einer Weiterverbreitung durch sie erhöht. Kliniken benötigen gerade jetzt dringend Mechanismen die sie entlasten.   

Grund dafür ist auch, dass es bereits im Normalbetrieb problematisch ist Menschen mit Demenz mit und ohne Isolationserfordernis in Krankenhäusern gut zu versorgen. Die Schwierigkeiten sind nicht neu und entsprechend groß die Rat- und Hilflosigkeit vor Ort. Auch der Bundesverband für Geriatrie e.V. gibt beispielsweise keine Empfehlungen zum Umgang mit der Problematik heraus und teilt per EMail (11.03.20) dazu mit:

„Die Sicherstellung der entsprechenden Vorschriften und Maßnahmen obliegt den Klinikleitungen vor Ort. Nur diese können die individuellen Gegebenheiten in den einzelnen Kliniken bewerten und sachgerechte Maßnahmen umsetzen.“.

Krankenhäuser als letzte Möglichkeit

Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales hat des Landes Nordrhein-Westfalen weist in seiner Mitteilung vom 10.03.20 auf seinen Erlass daraufhin, dass Pflegebedürftige unter bestimmten Umständen von Pflegeheimen in Kliniken eingewiesen sollen. Wörtlich (S. 4):

Soweit die pflegerische Versorgung mit dem noch vorhandenen Personal nicht mehr aufrechterhalten kann, sind in Abstimmung mit den zuständigen Behörden auch Verlegungen von Pflegebedürftigen in Krankenhäuser oder andere Pflegeeinrichtungen durchzuführen.“.


Hier die vollständige Mitteilung.

Krankenhäuser werden also ggfs. zur Ausweichmöglichkeit. Wer oder was auch sonst? Zum Krankenhaus gibt es in letzter Konsequenz keine Alternative. Nur, es gibt dafür keine Kapazitäten, die Menschen mit Demenz gerecht würden. Kaum ohne eine Infektionswelle. Mit schon gar nicht.
Ortswechsel und Verlegungen sind für Menschen mit Demenz allerdings noch schwerer zu verkraften als für orientierte Menschen – mit den Folgen, dass man dem entstehenden Verhalten mit Sedierungen und Fixierungen begegnen wird.  

Die aktuelle Pandemie beschwört in Sachen Demenz und Krankenhaus kein an sich neues Problem herauf. Aber es macht es nochmals sichtbar und deutlich.

Es fehlt an Möglichkeiten der Betreuung für Menschen mit Demenz im Krankenhaus.

Es fehlt an der materiellen und der räumlichen Ausstattung für die Betroffenen.  

Und es fehlt an Mitarbeitenden, vor allem in der Pflege.

Nicht erst seit SARS COV 2.

Update 21.03.2020: Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie fordert ein Krisenkonzept.

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Kennen Sie gute Strategien und konkrete Maßnahmen für die Versorgung von Menschen mit Demenz unter Einhaltung von Hygieneregeln bzw. Isolationsbedingungen? Schreiben Sie Ihr best-practice-Beispiel gerne in einen Kommentar und verlinken Sie zur entsprechenden Einrichtung. Der Artikel wird ggfs. aktualisiert, wenn weitere Antworten zum Thema eintreffen.  

Jochen Gust

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