Ein Wohnortwechsel ist für viele ältere Menschen belastend. Bei Menschen mit Demenz kommt oft noch dazu: Orientierung, Routine, vertraute Gesichter und “Lesbarkeit” der Umgebung sind zentrale Sicherheitsanker. Wenn diese wegfallen, kann der Übergang wie ein Schock wirken. In der Forschung wird das als Umzugs-/Verlegungsstress beschrieben (englisch häufig: Relocation Stress Syndrome, teils auch Transfer Trauma). Typisch sind Angst, depressive Symptome, Rückzug oder Verwirrtheit – besonders in den ersten Wochen.
Wichtig: Nicht jede Verschlechterung ist “der Umzug”
Viele Einzüge ins Pflegeheim passieren nicht geplant, sondern nach einer Krise: Sturz, Krankenhausaufenthalt, Delir, akute Überforderung zu Hause. Dann überlagern sich mehrere Stressoren, und Ursache/Wirkung sind auch in Studien nicht immer sauber trennbar. Genau deshalb lohnt es sich in der Praxis, den Übergang als Hochrisikophase zu behandeln – unabhängig davon, “wie gut das Heim ist”.
In der Anpassungsphase werden in Übersichtsarbeiten immer wieder ähnliche Muster beschrieben: mehr depressive Zeichen, mehr Unruhe/Agitation, mehr Rückzug, zeitweise mehr Verwirrtheit, teils auch Einbußen bei Kognition und körperlicher Stabilität bzw. mehr Sturzereignisse rund um die Aufnahmephase.
Das kann normal sein, wenn es:
- in Wellen kommt (gute und schlechte Tage),
- klar mit Tageszeiten/Überforderung zusammenhängt (abends, bei vielen Reizen),
- innerhalb von 2–6 Wochen abnimmt oder sich zumindest stabilisiert,
- durch Sicherheit, Struktur, Beziehung sichtbar gebessert werden kann.
5 wichtige Punkte für die Pflege bei der Neuaufnahme
In diesem kurzen Video sind kompakt 5 wesentliche Punkte benannt, die die professionelle Pflege im Blick haben sollte. Und was ist eigentlich mit der Frage „besuchen oder nicht besuchen?“.
Umzugsstress ist mehr als “nur Stimmung”
Umzugsstress kann depressive Symptome im ersten Jahr nach Umzug in eine Langzeitpflegeeinrichtung vorhersagen – unabhängig davon, ob eine kognitive Beeinträchtigung vorliegt. Das macht Umzugsstress zu einem eigenständigen Risikofaktor, den Pflegefachpersonen aktiv monitoren können. Zusätzlich scheint der “Weg in die Einrichtung” relevant zu sein: Wer direkt aus Akut-/Postakutversorgung verlegt wird, hat ein erhöhtes Depressionsrisiko im ersten Jahr (im Vergleich zu anderen Zuzugswegen).Neuere Arbeiten zeigen auch differenziertere Verläufe. Wenn Menschen in eine passendere, sicherere oder besser unterstützende Umgebung wechseln, können Veränderungen eher kurzfristig sein und müssen nicht automatisch zu langfristigen Verschlechterungen führen. Entscheidend sind Kontext und Übergangsgestaltung.
Für Angehörige finden Sie hier eine Mini-Checkliste für die Umzugsphase (pdf).
Pflege ist besonders gefordert: die ersten Tage
Praxis-Checkliste: Was Sie in den ersten 14 Tagen konkret tun können
- Ein fester Tagesanker: gleiche Begrüßung, gleicher Sitzplatz, gleiche Kernrituale
- Eine Bezugsperson definieren (Team + Angehörige), mit klarer Erreichbarkeit
- Reizmanagement: lieber weniger Angebote, dafür verlässlich und wiederholbar
- Orientierung leicht machen: sichtbare Orientierungspunkte, ruhige Wege, gute Beleuchtung
- Schmerzen, Infekte, Nebenwirkungen aktiv ausschließen (nicht abwarten)
- Trink- und Esssituation beobachten und niedrigschwellig stützen
- Jeden Tag eine kurze „Was hat geholfen?“-Notiz: Situation – Beobachtung – vermutete Auslöser – Maßnahme – Wirkung
In der Praxis ist Verlegungsstress kein „weiches Thema“, sondern eine absehbare Risikophase, in der sich Sicherheit, Stimmung, Schlaf, Mobilität und Versorgungskomplexität in kurzer Zeit verschieben können. Behandeln Sie die ersten Wochen deshalb als eine strukturierte „Übergangspflege“: weniger Aktionismus, mehr Verlässlichkeit, klare Bezugspersonen, ein gut lesbares Umfeld und ein konsequenter Blick auf Schmerz, Infekte, Delirzeichen sowie Ess- und Trinkverhalten. Wenn Sie Veränderungen früh als Verlauf erkennen und gezielt gegensteuern, verhindern Sie, dass aus normaler Anpassungsbelastung ein länger anhaltender Abwärtstrend wird – und machen zugleich sichtbar, was Pflege in dieser Phase wirklich leistet: Stabilität herstellen, Orientierung sichern und Beziehung als Schutzfaktor systematisch nutzen.
Jochen Gust
Zum Weiterlesen / Quellen



