Demenz und Desorientierung: viel mehr, als nicht von A nach B zu finden

Wenn von „Desorientierung“ oder „Orientierungslosigkeit“ die Rede ist, wird das Thema häufig auf einen einzigen Punkt verkürzt: Menschen mit Demenz finden z.B. das Bad nicht oder verirren sich auf dem Weg nach Hause. Das kommt vor – aber diese Verkürzung ist fachlich riskant. Sie macht aus einem komplexen neurokognitiven Problem ein reines Navigationsproblem. In der Folge greifen Anpassungs- und Umgangsstrategien zu kurz, Missverständnisse häufen sich, und Verhalten wird vorschnell als „unkooperativ“ oder „auffällig“ eingeordnet – obwohl es sich bei näherer Betrachtung um eine nachvollziehbare Reaktion auf den Verlust von Orientierung handelt.

Welche Orientierungsqualitäten gibt es?

Orientierung ist eine Grundfunktion, mit der Menschen sich in der Welt und in sich selbst verorten: Wo bin ich, wann ist jetzt, was passiert hier, wer ist vor mir – und wer bin ich selbst? Bei Demenz können genau diese Qualitäten einzeln oder gemeinsam beeinträchtigt sein. Wer das versteht, kann Verhalten besser deuten, Risiken früher erkennen und Pflege individueller gestalten. Daher ist es wichtig zu wissen, worum es geht wenn von Desorientierung die Rede ist. Mehr dazu in diesem kurzen Film zum Thema:

Hier können Sie das Video auf Youtube ansehen.

Differenzierung macht Pflege besser

Je genauer Pflegefachleute verstehen, welche Orientierungsqualität eingeschränkt ist, desto zielgerichteter können sie reagieren. Das verändert die Praxis ganz konkret:

  • Verhalten wird als Signal gelesen (nicht als Absicht).
  • Kommunikation wird passender: weniger Korrektur, mehr Einordnung, mehr Sicherheit.
  • Risiken werden früher erkannt: Delir, Schmerzen, Exsikkose, Infekte, Medikamentennebenwirkungen.
  • Maßnahmen werden individueller: Umgebung, Tagesstruktur, Reizniveau, Biografie, Teamabsprachen.

Am Ende ist Desorientierung kein einzelnes Symptom, sondern eine veränderte Art, Welt, Menschen, Situation und Körper zu erleben. Nur mit erweitertem Wissen über die Wirkungen von Demenzerkrankungen in ihren verschiedenen Facetten und Ausprägungen gelingt eine angemessene, respektvolle und individuelle Pflege. Wer Orientierung differenziert betrachtet, reduziert Eskalationen, stärkt Sicherheit – und arbeitet näher an dem, was Betroffene tatsächlich erleben.

Jochen Gust

Möchten Sie über neue Artikel und Infos rund ums Thema Demenz informiert werden?

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter um nichts mehr zu verpassen.

Kein Spam! Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung.

Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent

Related Posts

Neue Studie: Auch frühe Demenzen sind oft mit beeinflussbaren Risiken verbunden

Demenzen vor dem 65. Lebensjahr gelten oft als vor allem genetisch bedingt. Eine neue Auswertung mehrerer großer Kohortenstudien zeichnet jedoch ein anderes Bild: Auch bei frühen Demenzen spielen modifizierbare Risikofaktoren…

Continue reading
Schreien und Rufen bei Demenz: Beruhigen allein reicht nicht

Wenn Menschen mit Demenz anhaltend schreien oder rufen, ist das für alle Beteiligten eine Belastungsprobe. Angehörige geraten an ihre Grenzen, Pflegefachpersonen erleben Hilflosigkeit, und auch in Kliniken oder Pflegeheimen wird…

Continue reading

One thought on “Demenz und Desorientierung: viel mehr, als nicht von A nach B zu finden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

You Missed

Neue Studie: Auch frühe Demenzen sind oft mit beeinflussbaren Risiken verbunden

Neue Studie: Auch frühe Demenzen sind oft mit beeinflussbaren Risiken verbunden

Schreien und Rufen bei Demenz: Beruhigen allein reicht nicht

Schreien und Rufen bei Demenz: Beruhigen allein reicht nicht

Reaktanz bei Menschen mit Demenz: Wenn Hilfe als Druck erlebt wird

Reaktanz bei Menschen mit Demenz: Wenn Hilfe als Druck erlebt wird

Altersschwerhörigkeit: nicht nur ein Hörproblem

Altersschwerhörigkeit: nicht nur ein Hörproblem

Warum Demenzschulungen mit einer ehrlichen Standortbestimmung beginnen sollten

Warum Demenzschulungen mit einer ehrlichen Standortbestimmung beginnen sollten

Warum Sie Krankenhauseinweisungen bei Demenz gut abwägen sollten

Warum Sie Krankenhauseinweisungen bei Demenz gut abwägen sollten