Unterstützen, statt übernehmen

Passiv den Rest Ihres Lebens ablaufen zu lassen – können Sie sich das vorstellen? Und zwar nicht deshalb, weil sie zu nichts mehr in der Lage sind, sondern weil Ihre Umgebung es wahlweise gut mit Ihnen meint – oder auf höchste Effizienz getrimmt ist? Nein? Wird vermutlich auch nicht eintreten, so lange Sie noch nicht dement sind. Aber dann wird es kritisch.

Gutes tun – oder Gutes bewirken?

Eine Kunst in der Versorgung von Menschen mit Demenz besteht darin, immer wieder auszutarieren, wie viel Unterstützung angemessen ist. Das gelingt in meinen Augen nicht immer besonders gut. Aus ganz verschiedenen Ursachen. Z.B. kann dahinterstehen, dass diejenigen die um den Menschen mit Demenz sind nicht sehr gut unterscheiden können zwischen „jemandem etwas Gutes tun“ oder etwas Gutes bewirken. Verständlich bei nahestehenden Angehörigen, problematisch bei Pflegefachleuten und Betreuungskräften. Auch Personalknappheit – vermeintliche Effizienz – kann ein Grund sein. Oder die Systematik der Finanzierung – also monetäre Anreize, dass jemand mehr Hilfe bedarf.

Fortgeschrittene Demenz: wir tun alles!

Menschen mit fortgeschrittener Demenz lerne ich meistens in Gesundheitseinrichtungen kennen – also meist Pflegeheimen oder Kliniken. Vielfach wird buchstäblich „alles“ für sie getan. Und mit „alles“ meine ich: ohne die Betroffenen zu fragen.

Auch Menschen mit Demenz ringen um ihre Autonomie und ihre Selbstwirksamkeit. Sie möchten Vertrauen haben können in ihre eigene Kompetenz, ihre Möglichkeiten Einfluss auf das zu nehmen, was um sie herum und mit ihnen geschieht.

Richtig, eine fortgeschrittene Demenz schränkt die Möglichkeiten, auch die Urteilsfähigkeit ein. Nach und nach, immer stärker. Betroffene werden abhängiger im Verlauf. Das bedeutet aber nicht, dass ab einem bestimmten Stadium, einer bestimmten Höhe der Fehlleistungen oder falschen Aussagen das eigene Erleben von Selbstwirksamkeit und Autonomie keine Rolle mehr spielt.

Fragt mehr!

„Fragt mehr!“, fordere ich manchmal in Schulungen auf. Dann wird mir entgegengehalten, dass die Verwirrten ja gar nichts mehr entscheiden könnten, sie sich ja in Gefahr brächten. Und es ist richtig, dass die Entscheidungsspielräume an der ein oder anderen Stelle enger – oder auch nicht gegeben – sein können. Jemand brachte mal das Beispiel, ob ich mit meiner Haltung einem dementen Herrn der sich das jetzt wünsche, ein Flugzeug landen lassen würde. Sicher nicht. Nur – auch mich würde niemand, obwohl noch ohne Diagnose, ein Flugzeug landen lassen. Sprich: die wichtigen Dinge sind kleiner, stecken im Alltag – nicht notwendigerweise in den großen, irrwitzigen Überzeugungen und Wünschen.

Aber geht es im Alltag wirklich um solche Dinge, wenn wir vermeiden wollen Menschen mit Demenz frühzeitig passiv, zurückgezogen, „in sich selbst ruhend“ oder gar teilnahmslos zu sehen? Der Teufel steckt da häufig im Detail, in Abläufen. Und es ist gar nicht so einfach, sie zu beeinflussen, weil sie häufig lange Jahre eingefahren sind. Die Pflegeprofis – mal ehrlich: legt der Spätdienst die Kleidung für den Bewohner für den nächsten Morgen raus – mit oder ohne gefragt zu haben, was er anziehen möchte? Kommt die große Pumpkanne mit dem Kaffee auf Station – schon mit Milch drin? Gibt’s außer Früchtetee auch noch eine andere Sorte zur Auswahl? Und wie lange schon erhält Frau X. das fertig geschmierte Brötchen mit Marmelade jeden Morgen? Und kann ich Entscheidungen selbst dann akzeptieren, wenn sie mich unter Druck bringen – z.B. zeitlich?

Menschen die das Gefühl haben, entscheiden zu dürfen, Einfluss nehmen zu können fühlen sich in der Regel eher nicht entmündigt und unterdrückt. Auch wenn Betroffene vielleicht nicht mehr selbst darüber entscheiden können, wo sie wohnen. Es gibt jeden Tag dutzende Dinge, die auch Menschen mit fortgeschrittener Demenz entscheiden können. Im Rahmen einer Schulung entgegnete mir eine Kollegin, sie kenne „ihre Bewohner“ gut genug, sie wisse, was diese mögen und was nicht.

Kein Grund zu fragen also? Doch, meiner Meinung nach schon. Selbstwirksamkeit empfindet man, oder? Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – Einfluss nehmen zu können – es geht um Gefühle, welche wir mit unseren Fragen, mit den Wahlmöglichkeiten die wir bieten, vermitteln können. Das hat Folgen. Und mal ganz abgesehen davon: Geschmack oder Vorlieben können sich auch ändern.

Gerne genommen auch das Argument: Auswahlparadox. Zu viel Auswahl für Menschen mit fortgeschrittener Demenz überfordert diese. Stimmt. „Zu viel“. Aber das vernünftig zu steuern und anzupassen – gehört das nicht zum Job?  

Einen Betreuer zu haben bedeutet keineswegs, entscheidungsunfähig zu sein. Die Entmündigung ist rechtlich doch längst abgeschafft. Schaffen wir das auch in der täglichen Versorgung?

Jochen Gust

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Titelfoto v. pexels: susanne-jutzeler

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent

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