Arbeiten Sie noch? Oder pflegen Sie schon?

Stellen Sie sich ein Land vor, dessen Bevölkerung dank gesellschaftlichen und medizinisch-pflegerischen Fortschritts immer älter wird. Und stellen Sie sich weiter vor, dass kluge Menschen dieses reichen Landes in die Zukunft blicken und feststellen: es werden hier weniger Kinder geboren als nötig und unsere Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern ist nicht ausreichend geregelt. Und können Sie sich obendrein vorstellen, dass dieses Land damit zwar die wichtigsten Faktoren kennt die seinen Wohlstand und seine Errungenschaften gefährdet – aber nichts dagegen unternimmt? Nein? Natürlich nicht – das wäre ja irrsinnig.

Fachkräftemangel bedeutet: Wartezeiten, Fehler, Leid

Der Fachkräftemangel hat viele Folgen. In manchen Branchen dauert es einfach länger, bis Aufträge abgearbeitet werden können. In anderen nimmt die Fehler- und Reklamationsquote zu. Manche Unternehmen verlieren die Fähigkeit, progressiv nach vorne zu arbeiten und Neues zu entwickeln. In anderen Bereichen wird es gefährlich: fehlen Pflegeprofis im Krankenhaus, kann dies Lebensgefahr bedeuten für die Patienten. Fehlen Pflegeprofis im Pflegeheim ebenfalls, häufiger aber noch bedeutet es längeres, vermeidbares Leid oder verfrühte Umzüge ins Pflegeheim oder auch vermehrte Klinikeinweisungen. Aber auch um den Klimawandel zu bewältigen sind viele Fachkräfte nötig.

Beste Führung, gute Bezahlung und ein Billiardtisch – dann schlägt das Leben zu

Stellen Sie sich vor, Sie wären Inhaber*in eines Unternehmens. In Ihrem Unternehmen, in Ihrem eigenen Pflegedienst oder Krankenhaus, in Ihrer Produktionshalle oder Ladengeschäft – Sie haben erfolgreich dafür gesorgt, dass Ihre Mitarbeitenden bleiben. Ihre Profis, Ihre Könner – Sie bezahlen Sie gut und sorgen als echte Führungspersönlichkeit dafür, dass diese Fachkräfte gerne bleiben und ihre Aufgaben bewältigen.

Und trotzdem kündigt die hochgeschätzte Stationsleiterin plötzlich. Dennoch kündigt die IT-Spezialistin an, zum Jahresende mindestens ihre Stunden zu reduzieren – oder ganz auszusteigen und nur noch als Freelancerin zu arbeiten. Trotz all Ihrer intensiven Bemühungen um gute Arbeitsbedingungen – z.B. gibt’s jetzt immer frisches Obst im Aufenthaltsraum, will Ihr Sachgebietsleiter „Bau“ Ihres Landkreises immer weiter Stunden reduzieren und es fällt auf, dass er öfter krankheitsbedingt fehlt oder einige Urlaubstage beansprucht.

Ein Pflegefall in der Familie ist ein Pflegefall für die Firma

Nicht selten ist ein pflegebedürftiges Familienmitglied des Mitarbeitenden der Grund, dass es bei der Arbeit plötzlich „unrund“ läuft. Ein Pflegesituation in der Familie führt auch zum Brain-Drain – denn es fehlen eben nicht nur „Hände“, sondern mit den Arbeitnehmenden gehen auch Wissen, Können, Erfahrung. Pflege und Betreuung im Zusammenhang mit der eigenen Berufstätigkeit bedeutet ein Mehrfaches an Belastung für die Arbeitnehmer und es gilt Wege zu finden, mit diesen adäquat umzugehen. Im Rahmen des Equal-Care-Day schilderte hier eine berufstätige Frau eindrücklich, was die Doppelbelastung durch Beruf und private Care-Belastung für sie bedeutet.

Ohne die Vereinbarkeit von Beruf und Angehörigenpflege fehlen in der Republik der Langlebigkeit nicht nur Profis, die nicht da sind weil nie geboren oder integriert, sondern auch jene die gehen um Pflege- und Betreuungsverantwortung zu übernehmen.

Landesprogramm zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

In Nordrhein-Westfalen wurde im März 2022 ein eigenes Programm zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gestartet. Ziel der gemeinsamen Initiative des Landes, der AOK Rheinland/Hamburg dem DGB und der Unternehmen sowie Trägern der Pflegeversicherung NRW und weiteren Projektpartnern ist es dafür zu sorgen, dass Berufstätigkeit und Pflegesituation von Angehörigen besser miteinander vereinbart werden können.

Die Work-care-balance soll und muss sich verbessern, denn die meisten Menschen werden Zuhause gepflegt. Schätzungsweise eine halbe Mio. Menschen sind in NRW berufstätig und zugleich pflegende Angehörige. Das Landesprogramm setzt sowohl bei den Arbeitnehmern als auch bei den Unternehmen an. Adelheid von Spee, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, hat Fragen zum Programm hier beantwortet:

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Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf und Pflege: im Gespräch mit Adelheid von Spee vom KDA

Bisher hat nur das Bundesland Hessen ein ähnliches Programm. Es ist zu hoffen, dass noch mehr Bundesländer ähnliche Programme fördern und auch Unternehmen die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf nicht etwa als ein Incentive betrachten wie einen Obstkorb oder Billardtische. Vielmehr ist die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ein notwendiger, wichtiger Beitrag dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und Bestandteil einer Unternehmenskultur, die auch mit dem Blick auf die eigenen Interessen die Mitarbeitenden in den Fokus nimmt.

Jochen Gust

Titelfoto: Lukas v. Pexels

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