Pflegedarstellung: vom Fach, angelernt – oder gar nicht in diesem Beruf?

Die Pflege, das Gesundheitswesen, insgesamt hat riesige Baustellen. Eine von vielen ist für mich, wie Pflege mit sich selbst umgeht – und sich selbst darstellt – aber eben auch öffentlich dargestellt wird. Auch da müssen wir etwas unternehmen.

Selbst in der Bunderegierung hat man klar, dass sich gerade in der Pflege viel verändern muss. Mehr und mehr Menschen auch anderer Berufsgruppen im Gesundheitswesen verstehen, das Pflege schon immer wissenschaftsbasiert ist und ganzheitlich funktioniert. Das eine rein verrichtungsorientierte („waschen“) Pflege eben nur ein degenerierter Schatten ihrer selbst ist und nicht den Menschen wirklich zu Gute kommt, für die sie eigentlich erdacht ist: den Pflegebedürftigen.

Für unser Gesundheitssystem gibt es nicht den einen Kippschalter, den man umlegen kann. Allein schon deshalb nicht, weil Pflege nicht gleich Pflege ist – sondern ein riesiges, professionell zu bearbeitendes Themenfeld ist. Und ein äußerst vielstimmiges, wie ich finde. Zur körperlichen Überlastung ist längst auch die seelische Verletzung ein Thema geworden. Egal wie groß der Unmut ist, wie stark der Zorn und die Verletzung. Wir werden Geduld brauchen, der Umbau wird dauern.

Pflege muss und darf sich beschweren – auch bei und in den Medien

Nein, das wird keine Medienschelte. „Die Medien“ gibt es ebensowenig wie „Die Pflege“. Oder ebenso viel. Differenzierung ist Pflicht, will man sich auseinandersetzen und Gehör finden. Kürzlich ist eine Mitarbeiterin eines Pflegeheimes mit einem Verhalten aufgeflogen, dass Bewohner und Mitarbeitende der Einrichtung zumindest gefährdet hat – womöglich sogar Schlimmeres. Sie hat ihren Impfpass gefälscht und ist, lt. Medienberichten, trotz der Covidinfizierung des Ehemanns zur Arbeit gegangen. Ermittelt wird wegen Totschlags. Gut so.

„Typisch“ für mich als Nachrichtenjunkie war leider auch zu sehen, dass auch „große“ Vertreter der Medienlandschaft offenbar unfähig waren zu differenzieren, um wen es da genau ging:

Beispiel der Berichterstattung: Pflegerin? Alltagsbegleiterin? Altenpflegerin?

Nun kann man argumentieren, dass es für die durch die Mitarbeiter betroffenen Menschen egal ist, wer sie infiziert hat. Das stimmt ein Stück. Trotzdem würde man sich durchaus daran stoßen, würde ein Magazin wie der Spiegel Türsteher und Polizisten gleichsetzen, der NDR Bauhelfer und Architekten über einen Kamm scheren und zwischen Coder und Hacker beim RND keinen Unterschied gemacht. Die betroffenen Gruppen würden sich zu Recht beschweren – direkt bei den Medienanstalten bzw. Redakteuren, die da schlampig gearbeitet haben.

Ich wünsche mir, dass Pflegefachleute auch so reagieren. Höflich, freundlich, erklärend. Und ganz ohne die – in meinen Augen durch nichts gerechtfertigte Unterstellung, dass „die Medien“ daran interessiert seien, Pflege „klein“ zu halten. Wir sollten im Umgang mit der Presse das tun, was wir mit Ärzten, Auszubildenden, Angehörigen und Hilfskräften sonst auch tun: erklären, warum uns was wichtig ist.

Wie man „uns“ wahrnimmt hat ganz entschieden auch mit unserer Selbstdarstellung zu tun. Lassen wir es durchgehen? Schauen wir weg, wenn Berichterstattung falsch, nachlässig, undifferenziert ist? Oder sagen und schreiben wir unsere Meinung dazu? Nur Mut, liebe Kolleg*innen. Meldet Euch zu Wort, fragt nach und signalisiert Journalisten und Medienschaffenden, dass Ihr auf Genauigkeit wert legt. Wenn sie es schon nicht selbst tun.

Jochen Gust

Titelfoto von Andrea Piacquadio

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent

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