Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, könnten deutlich häufiger und früher an einer Demenz erkranken als bislang angenommen. Darauf weist eine aktuelle Meta-Analyse im „Journal of the American Geriatrics Society“ hin.
Die Forschenden werteten 36 Studien mit insgesamt mehr als 500.000 Menschen aus, die Wohnungslosigkeit erlebt hatten. Das gewichtete Durchschnittsalter lag bei rund 63 Jahren. Insgesamt wurde bei 6,8 Prozent eine Demenz festgestellt. In vergleichbaren Altersgruppen der Allgemeinbevölkerung liegt die Häufigkeit nach Angaben der Forschenden bei unter drei Prozent.
Auffällig früh betroffen
Demenzerkrankungen scheinen bei wohnungslosen Menschen teilweise bereits in einem Alter aufzutreten, in dem sie in der Allgemeinbevölkerung noch vergleichsweise selten sind. Als mögliche Erklärungen diskutieren die Autoren unter anderem eine beschleunigte gesundheitliche Alterung sowie die hohe Belastung durch bekannte Demenzrisikofaktoren. In den untersuchten Gruppen waren psychische Erkrankungen, Substanzkonsum, Schädel-Hirn-Verletzungen, Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufig.
Wichtig: Die Studie beweist nicht, dass Wohnungslosigkeit selbst eine Demenz verursacht. Die Daten zur Frage, ob Wohnungslosigkeit das Erkrankungsrisiko tatsächlich erhöht, waren sehr uneinheitlich. Denkbar ist zudem die umgekehrte Richtung: Eine beginnende Demenz kann dazu beitragen, dass Menschen Rechnungen, Behördenangelegenheiten oder ihre Wohnsituation nicht mehr bewältigen und schließlich ihre Wohnung verlieren.
Verwirrtheit, Vergesslichkeit und Orientierungsschwierigkeiten bei wohnungslosen Menschen sind nicht automatisch Folgen von Alkohol, Drogen, psychischer Erkrankung oder des Lebens auf der Straße. Gerade bei älteren Betroffenen sollte auch eine Demenz als mögliche Ursache abgeklärt werden.
Was bedeutet das für Deutschland?
Das Thema betrifft auch die deutsche Versorgung. Zum 31. Januar 2026 waren hierzulande rund 452.900 wohnungslose Menschen behördlich untergebracht; mehr als 43.000 von ihnen waren bereits 60 Jahre oder älter. Menschen, die auf der Straße leben oder verdeckt wohnungslos sind, sind in dieser Statistik noch nicht enthalten.
Gerade bei älteren wohnungslosen Menschen sollten deshalb Gedächtnisprobleme, Orientierungsschwierigkeiten oder auffällige Veränderungen nicht vorschnell ausschließlich Alkohol, psychischen Erkrankungen oder einfach „den schwierigen Lebensumständen“ zugeschrieben werden. Eine Demenz muss als mögliche Ursache mitgedacht werden.
Die Autoren plädieren zudem dafür, in der Wohnungslosenhilfe nicht starr an Altersgrenzen wie 65 Jahren festzuhalten. Sinnvoll wären niedrigschwellige Möglichkeiten zur Abklärung kognitiver Veränderungen sowie eine engere Zusammenarbeit von Wohnungslosenhilfe, Medizin, Psychiatrie, Suchthilfe, Pflege und Sozialarbeit. Nach einer Diagnose braucht es außerdem Wohn- und Versorgungsangebote, die auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen tatsächlich erreichen können.
Die Studie macht damit auf eine Versorgungslücke aufmerksam: Demenz ist nicht ausschließlich ein Thema des hohen Alters – und sie kann gerade bei Menschen in besonders prekären Lebenssituationen leicht übersehen werden.




