Im Sommer 2025 machten Meldungen die Runde, in deutschen Arztpraxen würden „weniger Demenzen“ diagnostiziert. Grundlage waren Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen, die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) ausgewertet wurden: zwischen 2015 und 2022 ist die Zahl der in Praxen kodierten Demenzdiagnosen gesunken, während Diagnosen wie „leichte kognitive Störung“ zunahmen. Das klingt wie eine gute Nachricht – ist aber vor allem ein Hinweis darauf, wie sich Diagnostik und Kodierung verändern. Gezählt wurde, wie oft Ärztinnen und Ärzte Demenz in ihre EDV eingeben, nicht, wie viele Menschen tatsächlich erkrankt sind.
Leider griffen manche Medien und auch einige „Fachleute“ online die Auswertung in einer unangemessenen Weise auf. Sie erweckten den Eindruck, man könne aus diesen Daten schließen, dass es weniger Fälle von Demenz in Deutschland gäbe. Das ist falsch.
Nicht erkannt und nicht kodiert
Bevölkerungsbezogene Daten zeichnen weiterhin ein anderes Bild: Demenz bleibt im höheren Alter häufig, und die Gesamtzahl der Betroffenen steigt mit der Alterung der Bevölkerung eher an. Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gehen derzeit von rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland aus, Tendenz bis 2030 deutlich steigend. Der eigentliche Befund lautet deshalb nicht „Demenz wird seltener“, sondern: Ein großer Teil der Fälle wird gar nicht oder spät als Demenz erkannt und kodiert.
Die bekannte Aussage „nur etwa jede zweite Demenz ist diagnostiziert“ kommt aus dem Vergleich zweier Zahlen: Prävalenzstudien zeigen, wie häufig Demenz in bestimmten Altersgruppen objektiv auftritt – unabhängig von Akteneinträgen. Routinedaten aus Praxen und Kassen zeigen, bei wie vielen dieser Menschen tatsächlich eine Demenzdiagnose dokumentiert ist. Zwischen beiden Linien bleibt eine stabile Lücke: Formell diagnostiziert ist etwa die Hälfte dessen, was epidemiologisch zu erwarten wäre; in manchen Analysen etwas mehr, in anderen etwas weniger.
Deshalb wird so oft nicht diagnostiziert
Die Gründe für diese Unterdiagnostik sind bekannt: auf der Seite der Betroffenen und Angehörigen spielen Angst vor Stigmatisierung, Scham und der Wunsch, „das Problem nicht groß zu machen“, eine große Rolle. Vergesslichkeit wird als normales Altwerden abgetan, Verhaltensänderungen als „Eigenart“. Dazu kommen Sprach- und Kulturbarrieren, mangelnde Information und die Sorge, mit einer Demenzdiagnose sei die Selbstständigkeit sofort in Gefahr.
Strukturelle Rahmenbedingungen verstärken das Problem: Gedächtnisambulanzen sind regional ungleich verteilt, Wartezeiten lang, Krankenhausstrukturen oft nicht demenzsensibel. In der Konsequenz gibt es viele Menschen, bei denen „eigentlich alle sehen, dass etwas nicht stimmt“, ohne dass es je zu einer konsequenten diagnostischen Klärung und sauberen Dokumentation kommt.
Trotz aller strukturellen Probleme bleibt die Hausarztpraxis der Dreh- und Angelpunkt: Fast alle älteren Menschen werden dort regelmäßig gesehen, nur ein kleiner Teil landet je in einer Gedächtnisambulanz – und wenn, dann meist spät. Leitlinien verlangen dabei kein „Mini-Gedächtniszentrum“, sondern eine realistische Basisdiagnostik: gezielte Anamnese und Fremdanamnese, ein kurzer kognitiver Test, eine orientierende körperlich-neurologische Untersuchung, Basislabor und eine Entscheidung, ob und an wen weiterüberwiesen wird. Spezialambulanzen bauen auf dieser Grundlage auf, sie können sie nicht ersetzen. Wenn diese Basis in der Primärversorgung aus Zeitdruck, Unsicherheit oder Skepsis heraus nur zögerlich genutzt wird, bleiben viele Demenzen zwangsläufig unsichtbar.
Demenzdiagnostik in der Hausarztpraxis: Warum so viel liegen bleibt
In der hausärztlichen Versorgung kommt ein ganzes Bündel an Faktoren zusammen, die dazu beitragen, dass Demenzen oft spät oder gar nicht diagnostiziert werden:
- Qualitative Studien zeigen bei vielen Hausärztinnen und Hausärzten eine distanzierte Haltung zur Demenzdiagnostik.
- Demenz wird eher als Thema von Neurologie, Psychiatrie oder Gedächtnisambulanzen gesehen.
- Der Nutzen einer frühen Diagnose wird unterschätzt, weil keine Heilung möglich ist.
- Die anspruchsvolle Differenzialdiagnose zwischen Demenz, Depression, Delir und „normalem Altern“ gilt im knappen Praxisalltag als kaum leistbar.
- Zeit- und Vergütungsdruck erschweren ausführliche Gespräche, Fremdanamnese und Testung.
- Es besteht die Sorge, die Arzt-Patient-Beziehung mit dem Thema „Demenz“ zu belasten.
- Zudem gibt es Skepsis gegenüber standardisierten Tests, die als wenig alltagsnah empfunden werden.
Pflegefachpersonen als Hinweisgeber und Diagnostik-Ermöglicher
Genau an dieser Stelle wird die Rolle der Pflegeberufe zentral – nicht als Diagnostiker, sondern als Ermöglicher von Diagnostik. Pflegeprofis sehen die Betroffenen im Alltag, über Tage, Wochen und Monate. Sie erleben schleichende Veränderungen in Orientierung, Alltagskompetenzen, Verhalten und Emotionen, die in einer Zehn-Minuten-Sprechstunde leicht untergehen. Wenn diese Beobachtungen konkret beschrieben und in Arztkontakten, Visiten oder Berichten benannt werden – etwa mit Angaben dazu, seit wann bestimmte Probleme bestehen und wie sie sich im Verlauf verändert haben –, entsteht überhaupt erst ein begründeter Anlass, an Demenzdiagnostik zu denken. Entsprechend wichtig ist der Austausch mit Betroffenen, Angehörigen und Vollmachtinhabern / Betreuern.
Überhaupt: viele Familien schildern ihre Sorgen zuerst dem Pflegeteam. Pflegefachleute können diese ernst nehmen, erläutern, warum eine Abklärung beim Hausarzt sinnvoll ist, und helfen, das Thema in der Praxis anzusprechen, ohne gleich von „Demenz“ sprechen zu müssen. Je besser Pflege, Hausarztpraxis und ggf. spezialisierte Dienste hier zusammenarbeiten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass offensichtliche Veränderungen über Jahre im Hintergrund bleiben.
Vereinfachte Diagnose wird immer wichtiger
Vor diesem Hintergrund sind vereinfachte, alltagstaugliche Test- und Screeningverfahren und neue Versorgungsmodelle kein Luxus, sondern eine logische Reaktion auf die Unterdiagnostik. Kurze, gut handhabbare Verfahren und klare Algorithmen und Modelle in denen Pflegefachpersonen eng mit Hausärztinnen und Hausärzten zusammenarbeiten, können helfen, aus subjektiven Eindrücken strukturierte Verdachtsdiagnosen zu machen – und damit die Lücke zwischen „eigentlich sieht man es doch“ und „es steht als Diagnose im System“ kleiner werden zu lassen.
Die sinkenden Demenzkodierungen in KV-Statistiken sind in diesem Zusammenhang weniger eine Entwarnung als ein weiterer Hinweis darauf, wie stark Diagnostik und Sichtbarkeit von Demenz vom Verhalten der Akteure und von den Rahmenbedingungen abhängen. Ob Menschen mit Demenz rechtzeitig passende Behandlung, Pflege und Entlastung erhalten, entscheidet sich nicht in Zahlenkolonnen, sondern im Zusammenspiel von Hausarztpraxis, Spezialambulanzen und Pflege. Und genau hier haben Pflegeberufe mit ihrem Blick auf den Alltag und ihrer Nähe zu Angehörigen eine Schlüsselrolle.
Nehmen wir sie an.
Jochen Gust
Zum Weiterlesen:
Rates of formal diagnosis of dementia in primary care: The effect of screening




