„Nurses know it early.“ – Intuition auf Station

Vor einer Weile schon hatte ich eine sehr anregende, längere Unterhaltung zu diesem Satz „Nurses know it early“ mit einem Mediziner. Er hat länger in den USA gearbeitet. Er sagte es halb lächelnd, halb ernsthaft. Schnell ging es dann in der Diskussion um Intuition. Was das ist, was sie triggern kann, ob und wann man ihr nachgibt bzw. auf den Grund geht und wie gefährlich es sein kann für Patienten und Pflegebedürftige, wenn man sie ignoriert. Wir gerieten durchaus etwas in Streit. Vielleicht weil es sehr schwer ist, nicht andere Themen und Fähigkeiten oder den Anschein dieser, außen vor zu lassen.

Den Text schreibe ich aus eigenem Erleben heraus, ohne wissenschaftliche Fakten aufzählen zu wollen aber angeregt durch eine Twitterdiskussion rund ums Thema Deprofessionalisierung / Empathie (follow @publicenema2).

Pflegeberufler haben Eindrücke die sie nicht erklären können

Die meisten Pflegeprofis kennen das: alles ist gemacht, alles scheint in Ordnung. Und doch bin ich bei der Patienten / Pflegebedürftigen und habe das Gefühl: etwas stimmt nicht. Keine Schmerzäußerung, keine besondere Unruhe. Noch nicht einmal einen Hinweis, dass ich vielleicht besser noch mal die Vitalzeichen kontrollieren sollte. Nichts. Alles wie immer. Zeit habe ich in der Pflege ohnehin nicht. Und doch….etwas stimmt nicht. Man hält die Sekunden inne, bevor man den Raum verlässt. Man fasst den Patienten / Pflegebedürftigen wie zufällig, bewusst oder unbewusst nochmal an, während man sich verabschiedet. Man schaut ihm einen Tick länger und intensiver in die Augen. Ist er wach, klar…?

Was ist Intuition eigentlich? Eine Definition können wir unter Wikipedia aufrufen. Im Duden wird Intuition u.a. als „das unmittelbare, nicht diskursive, nicht auf Reflexion beruhende Erkennen, Erfassen eines Sachverhalts oder eines komplizierten Vorgangs.“ definiert. Und – natürlich, gibt es auch einiges an Arbeiten und Artikel in Sachen Intuition & Pflege zu finden. Intuition als implizites Wissen oder Ahnung, Intuition und implizites Wissen als konstitutive Bestandteile pflegerischen Erkennens und Handelns oder auch da (engl.).

Frühwarnsystem pflegerische Intuition

Durch die zunehmende Arbeitsverdichtung und den Personalmangel sehe ich das Risiko, dass Patienten und Pflegebedürftige auch dadurch zu Schaden kommen können, dass Kolleginnen und Kollegen ihrer Intuition nicht mehr folgen. Sie aus Zeitgründen unterdrücken. Und so vielleicht Bedarfe nicht mehr feststellen, die Pflegebedürftige und Patienten haben können – außerhalb dessen, was sich mal eben messen lässt oder als medizinisch-pflegerisches Problem definiert werden kann. Aber nicht nur der Zeitdruck ist ein Faktor. Auch jene in und außerhalb der Pflege, die glauben die Versorgung vom Schreibtisch aus Besserwissen zu können, spielen dabei eine Rolle.  Da werden Skills und Fähigkeiten von Pflegeprofis schnell mal mit Schlagworten belegt. Empathisch agieren und reagieren zu können gleichgesetzt mit einer Art dümmlichen Nettigkeit. Freundlichkeit gerät zum Makel, ein – ja, Achtung: Kümmern, das sich im ein oder anderen unbezahlten zusätzlichen Handgriff tagtäglich äußert, wird zur unprofessionellen Peinlichkeit gedeutelt und so Pflegeprofis wie Betreuungskräfte in die Defensive gedrängt. Und in der sollen sie dann auch bittschön den Mund halten.

Intuition, Empathie, Emotionalität – unprofessionell?

Es ist eine Sache, Pflege mit Wissen und hoher Fachlichkeit verbessern und aufwerten zu wollen. Das müssen wir in Deutschland völlig unzweifelhaft, andere Länder sind da weiter. Und es geht nicht, dass Arbeitgeber versuchen, offen oder im Subtext von Jobanzeigen bei miesen Arbeitsbedingungen lediglich emotionale Appelle formulieren. Wobei – die Zeiten sind wohl weitestgehend schon vorbei.

Aber es ist dennoch eine andere Sache, wenn den Kolleginnen und Kollegen die jeden Tag im Dienst sind, Fähigkeiten abgesprochen werden oder mangelnde Professionalität vorgeworfen wird, weil sie eben mehr können und tun als Expertenstandards abzuarbeiten und Skalen, Listen und Messwerte irgendwo einzutragen. Pflege ist voller Zwischentöne, voller feiner und feinster Handlungen. Reich an Wahrnehmung, Begegnung, Nähe, Distanz und Haltungen. Auch das macht sie besonders. Als Beruf. Als Profession, die man nie vollständig wird in Standards gießen können und in der nicht alles immer messbar sein wird.

Wahrnehmung und Selbstvertrauen: better safe than sorry

Gerade Menschen mit Demenz, die sich im Verlauf nicht mehr (adäquat) äußern können, denen es häufig auch altersbedingt an „Dolmetschern“ fehlt, die brauchen diejenigen Nurses, die es early knowen. Ich versichere Ihnen: Ihre Intuition ist etwas wert. Trotz Arbeitsdruck: spüren Sie ihr nach. Für ihren Patienten / Pflegebedürftigen. Und im Übrigen: auch für sich selbst. Wer sich für das Thema interessiert und sich näher damit befassen möchte, dem sei der Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann empfohlen.

Ich jedenfalls gehöre zu den Pflegenden, die sich sehr präsent an einige Fälle erinnern können bei denen es besser gewesen wäre, auf meine Intuition zu hören. Dieser zu vertrauen, sie ernst zu nehmen – das hätte vermutlich Schaden abgewendet. Und, werte Kollegin, lieber Kollege – es ist und bleibt völlig okay, auch ohne echten Anhalt die Kollegen der Folgeschicht in der Übergabe zu bitten: „Habt mal ein besonderes Auge auf Frau / Herrn X. Irgendwas stimmt da nicht.“. Ohne das näher begründen zu können.

Denn in der Pflege sollten wir nicht nur der eigenen Intuition vertrauen, sondern auch der unserer Kolleginnen und Kollegen.

Jochen Gust

Foto: Tima Miroshnichenko on pexels

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