Alzheimer-Demenz: Rapid Review bündelt Evidenz und setzt Leitplanken für eine einheitlichere Versorgung

Das IGES Institut und der Arbeitsbereich Altersmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main haben im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit beauftragten Projekts einen Rapid Review vorgelegt. Ziel ist die Entwicklung eines „realistischen“ Versorgungspfades für Menschen mit Alzheimer-Demenz und ihre Angehörigen – evidenzbasiert und umsetzbar mit den verfügbaren Mitteln im ambulanten Versorgungssetting.

 
Ergebnis: Was der Rapid Review liefert

Im Zentrum steht eine strukturierte Auswertung von 442 wissenschaftlichen Publikationen (identifiziert: 2.125 Quellen; eingeschlossen: 442) aus dem Zeitraum ab 2018. Die Evidenz wurde thematisch in fünf Bereiche gebündelt: Ursachen und Risikofaktoren, Prävention, Diagnostik, Therapie sowie Versorgungsangebote.

Die zusammengefassten Befunde unterstreichen, dass Alzheimer-Demenz einen personzentrierten, interdisziplinären Versorgungsansatz erfordert – und dass ein zukunftsfähiger Versorgungspfad multimodal, flexibel und sektorenübergreifend angelegt sein sollte. Also nichts, was wir nicht eigentlich schon wissen. Besonders deutlich wird im Review jedoch auch der Handlungsdruck aus Versorgungsperspektive: Pflegende Angehörige übernehmen einen Großteil der Unterstützung und berichten häufig, dass die Navigation im komplexen Gesundheitssystem schwierig ist.

Was ist ein Rapid Review?

Ein Rapid Review ist eine beschleunigte Form der Literaturübersicht. Er bündelt den aktuellen Stand der Forschung zu einer klaren Fragestellung in kurzer Zeit, um Entscheidungen in Praxis und Politik zu unterstützen.

  • arbeitet mit transparenten, vorab definierten Such- und Auswahlkriterien
  • nutzt pragmatische Abkürzungen (z. B. begrenzter Zeitraum, weniger Datenbanken, teils weniger Doppelprüfung)
  • liefert schneller Ergebnisse als ein klassisches systematisches Review, kann aber einzelne Studien eher übersehen

Parallel steigen die volkswirtschaftlichen Belastungen: Für Deutschland werden die Demenzkosten für 2020 auf rund 20,4 Milliarden Euro geschätzt; der Anteil an allen Krankheitskosten stieg von 3,6 Prozent (2002) auf 4,7 Prozent (2020).

Welche Anforderungen sich für den Versorgungspfad ableiten lassen

Aus den Ergebnissen leiten die Autorinnen und Autoren konkrete Implikationen ab. Dazu gehören insbesondere: ein modularer Aufbau (passend zu Risikoprofil, Erkrankungsstadium und Begleiterkrankungen), klar definierte Verantwortlichkeiten und Kommunikationswege zwischen den beteiligten Akteuren sowie die feste Integration von Prävention, gestufter Diagnostik, abgestuften Therapiebausteinen (pharmakologisch und nicht-pharmakologisch) und palliativen Aspekten in späteren Stadien. Ebenfalls ausdrücklich genannt: systematische Entlastungs- und Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige sowie Qualitätssicherung und Evaluation, damit Innovationen nur bei nachgewiesenem Versorgungsnutzen in den Pfad übernommen werden.

Worauf das Gesamtprojekt hinausläuft

Das dreijährige Forschungsprojekt verfolgt zwei Kernziele: (1) die sektorenübergreifende Zusammenarbeit der an der Versorgung beteiligten Akteure zu stärken und (2) die Versorgungsqualität für Menschen mit Alzheimer-Demenz im Vergleich zur derzeitigen Versorgung messbar zu verbessern und abzusichern.

Auf den Rapid Review folgt eine Analyse des Soll-Zustands (unter Einbezug weiterer Quellen) und dann der Ist-Zustand mit Versorgungsdefiziten und Hürden in der ambulanten medizinischen Versorgung. Geplant sind Experteninterviews (Oktober bis Dezember 2025), Fokusgruppen (Februar/März 2026) sowie anschließend bundesweite Befragungen relevanter Akteursgruppen und danach auch Betroffener und Angehöriger. Der Ansatz ist ausdrücklich partizipativ, um einen praxistauglichen, bedarfs- und bedürfnisgerechten Versorgungspfad zu entwickeln.

Mehr Informationen unter versorgungspfad-demenz.de.

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent

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