BGH stärkt den Willen betreuter Menschen: Ablehnung eines Angehörigen als Betreuer ist maßgeblich

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in einem nun veröffentlichten Beschluss klargestellt: Lehnt eine betroffene Person eine bestimmte Person als Betreuer ab, sind die Gerichte an diese Ablehnung grundsätzlich gebunden. Im konkreten Fall wurde deshalb die Bestellung der Tochter als Mitbetreuerin aufgehoben.

Landgericht zweifelte Wunsch der Betroffenen an

Die Betroffene (Jahrgang 1941) wandte sich dagegen, dass ihre Tochter zusätzlich zu einem Berufsbetreuer als Mitbetreuerin eingesetzt wurde. Das Amtsgericht hatte eine Betreuung mit umfassendem Aufgabenkreis eingerichtet und zusätzlich einen Einwilligungsvorbehalt für Vermögensangelegenheiten sowie Haus- und Grundstücksangelegenheiten angeordnet. Das Landgericht hielt an der Bestellung der Tochter fest, weil es Zweifel hatte, ob die Ablehnung der Tochter wirklich dem eigenen Wunsch der Betroffenen entspreche. Es vermutete, Nachbarn könnten Einfluss genommen haben, um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen.

Wunsch der / des Betreuten reicht aus

Der BGH hat diese Sichtweise nicht akzeptiert. Entscheidend sei der Wunsch der betroffenen Person bei der Betreuerauswahl – auch dann, wenn es um die Ablehnung einer bestimmten Person geht. Dafür müsse die betroffene Person weder geschäftsfähig sein noch eine „natürliche Einsichtsfähigkeit“ besitzen. Ebenso wenig sei erforderlich, dass die Ablehnung besonders reflektiert, „eigenständig gebildet“ oder dauerhaft sei. Es genügt, dass die betroffene Person die Ablehnung erkennbar zum Ausdruck bringt.

Die Vermutung einer Einflussnahme durch Dritte reiche nicht aus, um den geäußerten Willen bei der Personenauswahl beiseitezuschieben. Nach der seit 2023 maßgeblichen Regelung in § 1816 Abs. 2 Satz 2 BGB seien Gerichte an die Wünsche grundsätzlich gebunden. Eine andere Bewertung komme nur in Betracht, wenn sich die Ablehnung nicht gegen eine bestimmte Person richtet, sondern gegen die Bestellung eines Betreuers an sich.

Quelle: Bundesgerichtshof, Beschluss vom 05.11.2025 – XII ZB 396/25.

Informationen zum Betreuungsrecht finden Sie z.B. auf den Seiten des Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz.
Lesen Sie zum Thema auch diesen Artikel hier auf der Webseite: BGH stärkt Rechte von Angehörigen bei der Betreuerauswahl

Möchten Sie über neue Artikel und Infos rund ums Thema Demenz informiert werden?

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter um nichts mehr zu verpassen.

Kein Spam! Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung.

Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent

Related Posts

Demenz im Hospiz: Beruhigungsmittel können das Sterberisiko erhöhen

Ein Hospiz soll am Lebensende vor allem eines bringen: Ruhe, Linderung und Würde erhalten – auch für Menschen mit Demenz. Um Unruhe, Angst oder Delir zu dämpfen, wird auch in…

Continue reading
MCI: Was intergenerationelle Aktiv-Programme leisten müssen – und Betroffene brauchen

Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) profitieren oft von einer Kombination aus Bewegung und kognitiven Aufgaben. Eine neue Arbeit aus Gent bündelt dazu Forschung und Interviews mit Betroffenen und ihren…

Continue reading

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

You Missed

Verhalten verstehen und handhaben – wie geht man sachlich und kriteriumsgeleitet vor?

Verhalten verstehen und handhaben – wie geht man sachlich und kriteriumsgeleitet vor?

Pflegeversicherung: Gerechtigkeit hängt stärker vom Wohnort der Betroffenen ab als vom Pflegegrad

Pflegeversicherung: Gerechtigkeit hängt stärker vom Wohnort der Betroffenen ab als vom Pflegegrad

„Also, ich bin doch nicht Ihre Tochter!“ – vom Umgang mit Fehlidentifizierungen

„Also, ich bin doch nicht Ihre Tochter!“ – vom Umgang mit Fehlidentifizierungen

Kindheit wirkt nach: Langzeitstudie über Alzheimer-Risiko, Gefäßrisiken und „kognitive Reserve“

Kindheit wirkt nach: Langzeitstudie über Alzheimer-Risiko, Gefäßrisiken und „kognitive Reserve“

Überforderung der Enkel: wie Pflegefachpersonen bei Demenz unterstützen können

Überforderung der Enkel: wie Pflegefachpersonen bei Demenz unterstützen können

Verlegungsstress nach Umzug oder Heimaufnahme – was ist normal und was ist zu tun?

Verlegungsstress nach Umzug oder Heimaufnahme – was ist normal und was ist zu tun?