Sonderstation im Krankenhaus in Flensburg – Fragen an Chefarzt Dr. Weil

Dr med Klaus Weil

Dr. med. Klaus Weil ist Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation des St. Franziskus-Hospitals der Malteser in Flensburg. Vor über acht Monaten wurden dort eine Schwerpunktstation für Patienten mit Demenz feierlich durch Ministerpräsident Albig (Schleswig-Holstein) eröffnet.

Er war so freundlich, uns einige Fragen zu seinen bisherigen Erfahrungen zu beantworten.

DiK: Herr Dr. Weil – wie kam es in Flensburg zur Entscheidung, eine Sonderstation zu etablieren?

Dr. Weil: „Wir sehen eine wachsende Anzahl erheblich kognitiv eingeschränkter Patienten mit Verhaltensstörungen, denen das konventionelle Krankenhaus-Setting nicht gerecht wird. Der aktuelle Klinikalltag mit seinen beschleunigten Abläufen, hoher Geräuschkulisse, wechselnden Ansprechpartnern, etc. ist hierauf bislang kaum vorbereitet. Das hat entsprechende Konsequenzen für Patienten, Personal wie auch für die versorgenden Krankenhausstrukturen.

Die Sorge um dementiell erkrankte Menschen ist zudem ein zentrales Anliegen des Malteser Verbundes und seit 2002 ein Schwerpunktthema, dem wir uns auch in Flensburg noch intensiver widmen möchten.“

DiK: Die Station arbeitet nach dem sog. SilviaHemmet-Konzept. Was ist die Besonderheit und warum ist die Wahl auf diese Versorgungsart gefallen?

Dr. Weil: „Seit 2002 bestehen enge Kontakte zur schwedischen Stiftung „Silviahemmet“, die einen würdevollen, personenzentrierten Umgang mit dementiell Erkrankten und die Begleitung und Unterstützung der Angehörigen zum Ziel hat. Die Stiftung stützt sich in ihrem Versorgungsansatz (person centered care) auf die Palliative Care Philosophie. Das Motto „Der Kranke lehrt die Anderen“, verdeutlicht den Arbeitsansatz der Stiftung. Die Karolinska Universität Stockholm, mit der die Stiftung eng zusammen arbeitet, hat diesen Ansatz bereits Ende der 90er Jahre evaluiert.
2009 ist die Silviahemmet Philosophie bereits erstmals im Kontext eines Akutkrankenhauses mit der Einrichtung einer eigenen Station für Menschen mit der Zusatzdiagnose Demenz (Special Care Unit) in Köln umgesetzt worden.“

DiK: Können Sie, nach nun rund acht Monaten Echtbetrieb ein Fazit ziehen was die Implementierungsphase betrifft? Welche Hürden gilt es noch zu nehmen?

Dr. Weil: „In einem ersten Resümee der bisherigen Behandlungsergebnisse sehe ich mehrere positive Effekte: weniger Unruhe und Aggressivität, geringerer Einsatz von Neuroleptika und Sedativa, weniger Stürze, hohe Zufriedenheit der Patienten und ihrer Angehörigen. Aber auch die auf der Station beschäftigten Mitarbeiter weisen eine hohe Zufriedenheit und starke Identifizierung mit dem Projekt auf. Es gilt in den nächsten Monaten die Station noch stärker auf die Rahmenbedingungen eines Akutkrankenhauses auszurichten und den Zugangsalgorithmus weiter zu verbessern, so dass die „richtigen“ Patienten auf der „richtigen“ Station liegen.“

DiK: Weitere Kliniken in Deutschland werden und müssen ihre Arbeit auch an die Bedürfnisse von Patienten mit Demenz anpassen. Was raten Sie anderen Klinikchefs hinsichtlich der Planung und Etablierung einer solchen Station?

Dr. Weil: „Es gibt keine pauschale Lösung, die für alle Häuser geeignet ist. Man muss in jedem Krankenhaus jeweils individuell geeignete Ansätze finden, die unter den lokalen Rahmenbedingungen umsetzbar sind (segregierter Ansatz, integrativer Ansatz, Liaisondienste, Task Force, etc.) . Für den Erfolg entscheidende Parameter sind aus meiner Sicht vermehrte Tagesstruktur des Angebotes, Qualifizierung der Mitarbeiter, Schaffung von Planstellen für Alltagsbegleiter, dezentrale therapeutische Angebote und geeignete räumliche wie organisatorische Rahmenbedingungen.

DiK: Geriatrische Kliniken verfügen aufgrund ihrer Patientenklientel über umfangreiche Erfahrungen hinsichtlich des Umgangs mit Patienten mit kognitiven Einschränkungen. Können Sie skizzieren, wie Geriatriezentren möglicherweise weniger als Insellösung, sondern als zentrale Anlaufstellen in Sachen Demenz in Regionen wirken könnten?

Dr. Weil: „Geriatrische Zentren sind mit ihren abgestuften, sich komplementär ergänzenden Versorgungs-angeboten (ambulant, mobil, teilstationär, stationär) sowie ihrer langjährigen Expertise im Bereich der Alterskrankheiten prädestinierte Anlaufstellen für Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Die Mitglieder des geriatrischen Teams verfügen über eine Vielzahl notwendiger Zusatzqualifikationen sowie langjährige Erfahrungen bezüglich der Diagnostik und Therapie dementieller Erkrankungen. Die Diagnostik und Differentialdiagnostik kognitiver Einschränkungen sollte sinnvoller Weise unter ambulanten bzw. teilstationären Bedingungen (geriatrische Tagesklinik) multiprofessionell und interdisziplinär erfolgen (gerontopsychiatrisch versierter geriatrischer Facharzt, Neuropsychologe, Ergotherapeut, Sozialdienst). Nach der Diagnosekonferenz sollte ein Beratungsgespräch mit nachfolgenden therapeutischen und flankierenden psychosozialen Maßnahmen erfolgen.
Von entscheidender Bedeutung für eine langfristig qualitativ hochwertige Versorgung dementiell Betroffener sowie ein möglichst langes Verbleiben im gewohnten psychosozialen Umfeld ist eine engmaschige Vernetzung aller an der Behandlung beteiligten Akteure sowie insbesondere eine Optimierung der Schnittstellen zwischen den involvierten Bereichen. Hier kommt neben den Geriatrischen Zentren den Kommunen sowie den Selbsthilfeorganisationen (z.B. regionale Alzheimer-Gesellschaft) eine moderierende Schlüsselrolle unter unterschiedlichen Leistungserbringern zu.“

Herr Dr. Weil, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Interview mit:

Dr. med. Klaus Weil Arzt für Innere Medizin,
Klinische Geriatrie, Rehabilitationswesen, Spezielle Schmerztherapie
Chefarzt Malteser Krankenhaus St. Franziskus Hospital Zentrum für Geriatrie und Frührehabilitation
Waldstr. 17
D-24939 Flensburg

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.